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Feinstaub und Rattenkot – alte und neue Probleme bei den Kölner Luftrettern

10.03.2019

Köln (NRW) ::  Quo vadis (sinngemäß: Wohin gehst du?), das fragen sich viele, wenn es um den künftigen Stationierungsort für die beiden Kölner Luftrettungsmittel, den Zivikschutz-Hubschrauber (ZSH) “Christoph 3“ des Bundes und den Intensivtransporthubschrauber (ITH) “Christoph Rheinland“ der ADAC Luftrettung geht. Bereits seit nunmehr elf Jahren sind beide – interimsweise – am Konrad-Adenauer-Flughafen Köln/Bonn stationiert, nachdem Ende März 2008 die ZSH-Station am Städtischen Klinikum Köln-Merheim aus städtebaulichen Gründen aufgegeben wurde (rth.info berichtete mehrfach). Stuttgart 21 lässt grüßen!

Die Aufnahme aus dem April 2016 zeigt den ZSH “Christoph 3“ an seinem Interimsstandort am Konrad-Adenauer-Flughafen Köln/Bonn

Die Aufnahme aus dem April 2016 zeigt den ZSH “Christoph 3“ an seinem Interimsstandort am Konrad-Adenauer-Flughafen Köln/Bonn

Foto: Tim und Ralph Nußbaum

Die Aufnahme aus dem  April 2015 zeigt den ITH “Christoph Rheinland“ der ADAC Luftrettung auf seiner Start- und Landeplattform am Airport Köln/Bonn

Die Aufnahme aus dem April 2015 zeigt den ITH “Christoph Rheinland“ der ADAC Luftrettung auf seiner Start- und Landeplattform am Airport Köln/Bonn

Foto: Tim und Ralph Nußbaum

Ende März 2008 war die Luftretter-Welt in Köln scheinbar noch in Ordnnung: Kurz vor seinem Umzug an den Airport steht der ZSH “Christoph 3“ einsatzbereit an seiner Homebase in Köln-Merheim

Ende März 2008 war die Luftretter-Welt in Köln scheinbar noch in Ordnnung: Kurz vor seinem Umzug an den Airport steht der ZSH “Christoph 3“ einsatzbereit an seiner Homebase in Köln-Merheim

Foto: Jörn Fries

Der Neubau der Station auf dem Oberen Kalkberg

Nachdem die Baukosten für die neue gemeinsame Station auf dem Oberen Kalkberg im Laufe der Jahre massiv gestiegen waren und der gesamte Bau aufgrund des instabilen Untergrundes in Teilen abgesackt war, sind immer wieder neue Probleme festgestellt worden. Zur Stabilisierung des Kalkberges wurden verschiedene Maßnahmen eingeleitet. So ist unter anderem eine Erdkuppe, die als Lärmschutz vorgesehen war, wieder abgetragen worden. Seitdem ruhen die Bauarbeiten, der Berg wird weiter stabilisiert. Die Verwaltung nennt zurzeit keinen Termin für die Fertigstellung. Das Ende der bislang 17,2 Millionen Euro teuren Sanierung ist also noch immer nicht absehbar.

Derzeit laufen Vorbereitungen, die nördliche Böschung mit einer Kunststoffbahn abzudichten. Anschließend soll dort eine ein Meter dicke Rekultivierungsschicht aufgebracht und später begrünt werden. Im Frühjahr dieses Jahres soll auch auf der östlichen Böschung eine Kunststoffbahn zum Abdichten verlegt werden. Bis dahin wird der Hang mit einer temporären Folie vor Staubverwehungen geschützt. Den übrigen Bereich der östlichen Böschung nutzt die Stadt, um dort die bei der Stabilisierung der übrigen Böschungen anfallenden, mit Schadstoffen belasteten Erdmassen, zu entsorgen. Diese Maßnahme soll ein Teil der Entsorgungskosten einsparen, die beim Abtransport der Giftstoffe anfallen würden. Um das Verwehen der belasteten Erde zu verhindern, soll auch dort später eine Abdichtung eingebaut werden.

Hintergrund dieser Maßnahmen sind Schadstoff-Untersuchungen anhand 20 vorhandener Bodenproben aus dem Bereich unter dem Kalkberg. Die Proben stammen aus dem Jahr 2017. Die Bohrungen hatten im Zuge der Untersuchung der Haldenstabilität stattgefunden. Im Sommer 2018 erstatteten Anwohner Anzeige wegen der Staubverwehungen, die durch die Bauarbeiten verursacht wurden. Sie befürchten eine Gesundheitsgefährdung durch giftige Rückstände. Die Ermittlungen der Kölner Staatsanwaltschaft laufen noch. Laut Pressemeldung der Stadt Köln vom 8. November 2018 ergaben sich erwartungsgemäß Auffälligkeiten für die Parameter “Cyanide“ und “Chlorid“, wurde der Obere Kalkberg doch über Jahre – wie der Name schon sagt – als Halde genutzt. Die Untersuchungs-Ergebnisse würden insofern die gutachterliche Aussage stützen, dass im Wesentlichen die Ablagerungen in den Gruben unter dem Kalkberg für den bekannten Grundwasserschaden verantwortlich sind. Das Grundwasser im Umfeld des Kalkbergs wird durch die Stadt Köln weiterhin halbjährlich kontrolliert. Darüber hinaus wurden in einzelnen Bodenproben erhöhte Gehalte insbesondere für Blei und Kohlenwasserstoffe festgestellt. Dies sei allerdings aus Sicht des Umwelt- und Verbraucherschutzamtes unkritisch, da der Kontakt von Menschen mit dem Material durch die tiefe Lage des Materials im Kalkberg ausgeschlossen sei und sich diese Schadstoffe in den regelmäßigen und aktuellen Grundwasseruntersuchungen nicht nachweisen ließen.

Neue Mängel gibt es offensichtlich bei dem fertiggestellten Hubschrauberlandeplatz. Auf Fotos, die dem WDR vorliegen (siehe Link im Kontextbereich dieser News), ist zu sehen, dass dieser bei Regen überflutet wird. Es sind große Wasserlachen auf dem Platz vor dem Hangar der Hubschrauberstation zu sehen. Piloten, HEMS TC und Notärzte müssten bei Regen möglicherweise durch knöcheltiefe Wasserlachen waten, um den Hubschrauber erreichen zu können.

Suche nach Alternativstandort

Zwischenzeitlich (im März 2018) gab Kölns Stadtdirektor Dr. Stephan Keller eine aktuelle gutachterliche Bewertung zur flugrechtlichen und flugtechnischen Eignung von drei ausgesuchten Alternativstandorten zur Hubschrauberbetriebsstation Kalkberg extern in Auftrag. Dabei handelt es sich um den Flugplatz Kurtekotten in Leverkusen – knapp hinter der Stadtgrenze bei Flittard und Dünnwald (er wurde vor Jahren als “ungeeignet“ ausgeschlossen!) – , die städtischen Kliniken in Merheim (das ist der bis Ende März 2008 genutzte alte Heimatstandort von “Christoph 3“) und den Konrad-Adenauer-Flughafen Köln/Bonn (dort sind seit April 2010 beide Luftrettungsmittel interimsweise stationiert). Bis zum heutigen Tag wurde kein Ergebnis veröffentlicht.

Einträchtig vereint: der ZSH "Christoph 3" des Bundes (links) und der ITH "Christoph Rheinland" der ADAC Luftrettung auf dem Dachlandeteller der Unikliniken Aachen

Einträchtig vereint: der ZSH "Christoph 3" des Bundes (links) und der ITH "Christoph Rheinland" der ADAC Luftrettung auf dem Dachlandeteller der Unikliniken Aachen

Foto: Tim und Ralph Nußbaum

Interimsstandort am Flughafen ungeeignet?

Mittlerweile gibt es auch massive Hygiene-Mängel in der Übergangsunterkunft für den Zivilschutz-Hubschrauber (ZSH) “Christoph 3“. Die Mannschaften für beide Kölner Luftrettungsmittel sind seit nunmehr fast zehn Jahren in Behelfscontainern untergebracht. In den drei Containern von “Christoph 3“ gibt es schwerwiegende hygienische Mängel. Die Situation sei katastrophal und hat zu Beginn des Jahres die Gesundheitspolitiker der Stadt Köln auf den Plan gerufen. Nach Zeitungsberichten über die Zustände hat eine Delegation des Gesundheitsausschusses die Container unter die Lupe genommen und die Mitglieder des Ausschusses waren bestürzt, ob der Situation, die sie dort vorfanden.

Neben der extrem schlechten Unterbringung für die Crews haben die Politiker auch eine Gefährdung für Patienten ausgemacht. Es bestehe die Gefahr, dass die Luftrettungsmittel unter solchen Umständen nicht keimfrei gehalten werden können, so hieß es. Der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses Dr. Ralf Unna (Grüne) sagte im Ausschuss: Die Hallen, in denen die Hubschrauber parken, seien nicht beheizt, und unter zehn Grad funktioniere Desinfektion nicht richtig. Ein erschreckender Missstand, vor allem vor dem Hintergrund, dass die Hubschrauber auch im Falle von Frühgeburten zum Einsatz kämen. Die Hygiene lasse stark zu wünschen übrig, man habe sogar Rattenkot entdeckt, in den Ruheräumen funktionierten weder Heizung noch Klimaanlage ausreichend, so dass es im Winter zu kalt, im Sommer zu heiß und die Wirkung von Desinfektionsmitteln eingeschränkt sei. Außerdem werde in den Räumen medizinische Ausrüstung und Geräte gelagert. Viele Materialien dürfen jedoch nicht bei hohen Temperaturen gelagert werden. Im Sommer herrschten laut Angaben der Stadt Köln Temperaturen von 36 Grad. Messungen von Stationsmitgliedern sollen sogar bis 42 Grad ergeben haben. Im Gesundheitsausschuss wollte Stadtdirektor Stephan Keller den Rattenbefall dementieren. Dem widersprach der Ausschussvorsitzende Dr. Unna mit der Bemerkung: „Ich bin Tierarzt, ich kann Rattenkot erkennen.“

Bei einer Betriebsprüfung im Frühjahr durch die Bezirksregierung stellte diese fest, dass eine geeignete Industrie-Waschmaschine fehlt, weshalb die Einsatzkräfte ihre Schutzkleidung bislang nach dem Dienst mit nach Hause genommen hatten – ein Verstoß gegen die Bestimmungen des Arbeitsschutzes. An diversen Elektrogeräten fehlten zudem die Prüfplaketten.

Stadtdirektor Stephan Keller verwahrte sich indes gegen den Vorwurf, die Verwaltung sei untätig geblieben. Man habe einiges „in die Wege geleitet“, etwa Elektroprüfungen der Geräte vorgenommen und das Kleidermanagement verbessert. Kürzlich sei die Baugenehmigung für die Erneuerung der Containeranlage erteilt worden. Der ADAC sei mit einer Machbarkeitsstudie dazu befasst, just am Tage der Ausschusssitzung habe dieser mitgeteilt, „was in Frage kommt“, und „wir können in den Beschaffungsprozess einsteigen“. Längst habe die Verwaltung mit dem Flughafen „ausgelotet“, ob die Einsatzkräfte in einem „Bestandsgebäude“ untergebracht werden könnten; dafür gebe es jedoch „keine Kapazitäten“.

Auch für die Crew von “Christoph Rheinland“ ist die Situation sehr schwierig. Es stehen lediglich fünf Module zur Verfügung, zwei davon für Büro, Küche und Aufenthaltsraum. Die übrigen werden gleichzeitig als Lager und als Ruheräume genutzt. Um die nicht ausreichende Lagerfläche zu vergrößern, steht neben den Containern ein Kfz-Anhänger. In diesem werden benötigte Materialien verstaut. Von Seiten der Stadt Köln heißt es, dass eine Aufstockung der Anlage, um mehr Platz zu schaffen, aus statischen Gründen nicht möglich sei.

Gegenüber rth.info bestätigte die Pressestelle des ADAC, dass der Gesundheitsauschuss der Stadt Köln, nach Anfrage, auch die Station von “Christoph Rheinland“ besucht hat. Eine Begehung/Untersuchung durch einen von der Stadt Köln beauftragten Kammerjäger habe zwischenzeitlich ergeben, dass auf der Station von “Christoph Rheinland“ kein Ungeziefer-/Nagerbefall nachweisbar ist, so der ADAC in seiner Antwort.

Kölns Stadtdirektor Keller sicherte nun Hilfe zu. „Wir tun das, was möglich ist, um die Situation zu verbessern“, so Keller. Die Anlagen für die Besatzungen würden von Fachleuten kontrolliert und konkrete Mängel behoben. Zwei neue Ruhecontainer für die Piloten sollen voraussichtlich noch in diesem Jahr aufgestellt werden. Der ADAC steige jetzt in die Beschaffung einer neuen Containeranlage ein, so Keller im Gesundheitsausschuss.

Endgültig gelöst werden könnte die Misere für die beiden Kölner Hubschrauber-Crews, wenn eine Entscheidung über den Kalkberg gefällt würde. Immer noch ist offen, ob der dort nahezu fertige Hangar jemals in Betrieb genommen wird (siehe oben). Der ADAC nennt auf Anfrage von rth.info kein Datum – das Ganze erinnert irgendwie an den neuen Berliner Flughafen Berlin/Brandenburg International (BBI).

rth.info wünscht, dass es zu einer schnellen und vor allem für die Crews von “Christoph 3“ und “Christoph Rheinland“ befriedigenden Lösung kommt.

Wir werden über die weitere Entwicklung berichten.

Nachrichten zu diesem Thema im Archiv

Autor(en)
Tim und Ralph Nußbaum
Quelle(n):
diverse Ausgaben der Kölner Zeitschriften Rundschau, Stadtanzeiger und Express sowie Radio- und TV-Beiträge des WDR

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Über rth.info und unser Themenspektrum

Wir vom Nachrichtenmagazin rth.info berichten ehrenamtlich über Rettungshubschrauber, also notfallmedizinisch ausgerüstete und besetzte Helikopter, die im Rettungsdienst eingesetzt werden. Hubschrauber sind wertvoll als Rettungsmittel, da sie schnell, wendig und unabhängig vom Straßennetz sind. Ebenso dienen sie zum eiligen Transfer von Intensivpatienten zwischen Kliniken.

Für die Luftrettung besteht ein dichtes Standortnetz – sowohl von Rettungshubschraubern, als auch von Intensivtransport-Hubschraubern für den Interhospitaltransfer (siehe unsere Standortkarte). Die Standorte werden von staatlichen und nichtstaatlichen Betreibern unterhalten. Die ADAC Luftrettung stellt die meisten zivilen Rettungshubschrauber in Deutschland. Die DRF Luftrettung betreibt auch besonders viele Luftrettungszentren in Deutschland. Ihr Vorgänger war die Deutsche Rettungsflugwacht e.V. – bis zum Wechsel von Name und Rechtsform (2008). Weitere wichtige Betreiber, darunter das Bundesministerium des Innern mit seinen Zivilschutzhubschraubern, stellen wir hier vor.

Hubschrauber ergänzen den Rettungsdienst am Boden in medizinischen Notlagen. Sie sollen nicht den Bodenrettungsdienst ersetzen, da Rettungshubschrauber nicht allwetterfähig sind. Luftretter unterscheiden mehrere Einsatzarten. Die wichtigsten sind primäre Notfalleinsätze an einem Einsatzort und sekundäre Patiententransporte von einer Klinik zur anderen. In der Luftrettung kommt komplexe notfallmedizinische Technik zum Einsatz, die u.a. Anaesthesie, Chirurgie, Innere Medizin und Pädiatrie abdeckt.

"Helicopter Emergency Medical Services", kurz HEMS, ist die englische Bezeichnung für Luftrettungsdienst. Der Assistent des Notarztes wird daher als HEMS TC bzw. HEMS Crew Member bezeichnet. Zahlreiche Piloten verdienen in der Luftrettung ihren Lebensunterhalt – für viele Fans ein Traumberuf. Die Betreiber setzen viele Flugstunden und Erfahrung voraus.

Der aktuell bedeutsamste europäische Hubschrauberhersteller ist Airbus Helicopters mit seinen Baumustern H135, H145, und weiteren. Der US-amerikanische Hubschrauberhersteller Bell hat mit den Baumustern Bell 212, Bell 222, Bell 412, die Luftrettung mit geprägt, aber seit ca. 2010 Marktanteile an Airbus Helicopters verloren. Beschreibungen weiterer Hubschrauber-Hersteller finden Sie in unseren Typentexten.

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