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Der Rettungshubschrauber für die Westpfalz (Teil 1): Im Anfang war „Christoph Kaiser“

15.09.2019

Bereits vor dreizehn Jahren, lange vor „Air Rescue Pfalz“ in Sembach im Landkreis Kaiserslautern (22.10.2018-02.09.2019) und nun „Christoph 66“ in Eßweiler im Landkreis Kusel (seit 02.09.2019) war in der Westpfalz ein Rettungshubschrauber (RTH) stationiert, wenn auch nur für kurze Zeit. Anlass war die Fußball-Weltmeisterschaft 2006, deren offizielles Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden“ lautete. Zur Verstärkung des Rettungsdienstes und des Katastrophenschutzes bei der Absicherung des sportlichen Großevents wurde zwischen dem 10. und dem 27. Juni 2006 „Christoph Kaiser“ an der Hauptfeuerwache der Berufsfeuerwehr Kaiserslautern stationiert. Der RTH konnte zwischen 7:00 Uhr und Sonnenuntergang von der Leitstelle „Kaiser“ eingesetzt werden. In 17 Tagen flog „Christoph Kaiser“ insgesamt 72 Einsätze, davon 70 Primär- und zwei Sekundäreinsätze.

Der Zusatz-RTH “Christoph Kaiser“ war in der Westpfalz auch als schneller Notarztzubringer unterwegs (hier zu sehen in Lauterecken-Medard im Landkreis Kusel)

Der Zusatz-RTH “Christoph Kaiser“ war in der Westpfalz auch als schneller Notarztzubringer unterwegs (hier zu sehen in Lauterecken-Medard im Landkreis Kusel)

Foto: Holger Scholl

Die Crew für diesen temporär betriebenen RTH stellten im Wechsel die ADAC-Luftrettungsstationen „Christoph 10“ (Wittlich), „Christoph 16“ (Saarbrücken) und „Christoph 77“ (Mainz). Einen improvisierten Bereitschafts-, Ruhe- und Lagerraum fand die Crew in den Räumen der Berufsfeuerwehr Kaiserslautern. Bereits wenige Tage zuvor, am 6. Juni 2006, wurde die gelbe EC 135 P2 der damaligen ADAC-Luftrettung GmbH gemeinnützige Gesellschaft nach “K-Town“ überführt. Sie landete um 11:00 Uhr zur Inbetriebnahme des neuen Dachlandeplatzes des Westpfalz-Klinikums Kaiserslautern (WKK) und wurde dort von vielen Gästen bestaunt. Damit waren die notwendige Infrastruktur pünktlich zur Fußball-WM 2006 geschaffen und die Qualität der notfallmedizinischen Versorgung deutlich optimiert worden; ein Zwischentransport von der Bodenlandestelle an der Hauptfeuerwache zum WKK konnte ab sofort entfallen. Seit dieser Zeit kommen die Notfallpatienten direkt vom Dachlandeplatz über den Fahrstuhl in den Schockraum.

6. Juni 2006, kurz nach 11:00 Uhr: Wenige Minuten zuvor war “Christoph Kaiser“ als erster RTH auf dem neuen Dachlandeplatz des Westpfalz-Klinikums Kaiserslautern gelandet

6. Juni 2006, kurz nach 11:00 Uhr: Wenige Minuten zuvor war “Christoph Kaiser“ als erster RTH auf dem neuen Dachlandeplatz des Westpfalz-Klinikums Kaiserslautern gelandet

Foto: Holger Scholl

Der RTH, der den öffentlich-rechtlichen Rettungsdienst on top ergänzte, erfuhr in der Bevölkerung sowie beim bodengebundenen Rettungsfachpersonal und bei den Notärzten eine hohe Akzeptanz. Sowohl die Bewohner als auch das Rettungsdienstpersonal in der Westpfalz sowie die Disponenten der Integrierten Leitstelle „Kaiser“ waren begeistert von dem schnellen Luftrettungsmittel, das in kurzer Zeit den Notarzt in die ländlichen Gebiete brachte. Aber nicht nur die Funktion des schnellen Notarztzubringers brachte Vorteile, auch der schnelle und schonende Transport der Notfallpatienten in medizinische Zentren wurde von allen Seiten gelobt. Beispielsweise konnte eine Patientin mit akutem Herzinfarkt in wenigen Minuten ins Klinikum Idar-Oberstein im Landkreis Birkenfeld geflogen werden – der bodengebundene Transport mit einem Rettungswagen und Arztbegleitung hätte ca. 30 Minuten gedauert. Für die Patientin ein schonender Transport und für die Leitstelle ein schnell wieder einsatzbereiter RTH.

Primäreinsätze in der Region gehörten zum Versorgungsauftrag des temporären RTH “Christoph Kaiser“, hier zu sehen am Sonderlandeplatz des Klinikums Idar-Oberstein mit den bodengebundenen Kräften des örtlichen DRK-Rettungsdienstes

Primäreinsätze in der Region gehörten zum Versorgungsauftrag des temporären RTH “Christoph Kaiser“, hier zu sehen am Sonderlandeplatz des Klinikums Idar-Oberstein mit den bodengebundenen Kräften des örtlichen DRK-Rettungsdienstes

Foto: Holger Scholl

Blick in die rechtzeitig vor der Fußball-WM 2006 errichtete Integrierte Leitstelle “Kaiser“ in Trägerschaft der Stadt Kaiserslautern

Blick in die rechtzeitig vor der Fußball-WM 2006 errichtete Integrierte Leitstelle “Kaiser“ in Trägerschaft der Stadt Kaiserslautern

Foto: Holger Scholl

Neben den bodengebundenen Notarztstandorten mit Notarzteinsatzfahrzeugen (NEF), Notarztwagen (NAW) und Intensivtransportwagen (ITW) in der Region und den umliegenden Luftrettungsstationen “Christoph 5“ in Ludwigshafen, “Christoph 10“ in Wittlich, “Christoph 16“ in Saarbrücken, “Christoph 77“ in Mainz (alle ADAC Luftrettung) sowie “Christoph 43“ in Karlsruhe und “Christoph 53“ in Mannheim (beide seinerzeit von der Deutschen Rettungsflugwacht e. V. betrieben) stellte der damalige RTH “Christoph Kaiser“ eine wesentliche Ergänzung und Optimierung sowohl der Bodenrettung als auch der Luftrettung in der Westpfalz dar. Vor diesem Hintergrund soll nicht unerwähnt bleiben, dass über individualmedizinische Notfälle hinaus mit “Christoph Kaiser“ ein weiteres Luftrettungsmittel für mehrere Bundesländer und damit auch für mehrere WM-Spielorte mit hohem Bedrohungs- und Gefährdungspotential (Anschläge, Massenpanik, größere Unglücksfälle etc.) bei Großschadenslagen zur Verfügung stand, wodurch im Fall der Fälle die örtlichen und benachbarten Kliniken in der Region hätten deutlich entlastet werden können. Durch die Vorhaltung von “Christoph Kaiser“ konnten damals deutliche Synergieeffekte erzielt werden, in dem der RTH nicht nur für Großschadenslagen bereitgehalten wurde, sondern durch den täglichen Einsatzbetrieb zusätzlich der Bevölkerung und dem bodengebundenen Rettungsdienst für Primäreinsätze und den umliegenden Kliniken für dringliche Sekundäreinsätze zur Verfügung gestellt wurde. Die oben dargestellten Einsatzzahlen belegen dies eindrucksvoll.

Flog fast ausschließlich Primäreinsätze in der Region: der interimsweise in Kaiserslautern stationierte RTH “Christoph Kaiser“, hier beim Nachtanken am Flugplatz  in der kreisfreien Stadt Pirmasens

Flog fast ausschließlich Primäreinsätze in der Region: der interimsweise in Kaiserslautern stationierte RTH “Christoph Kaiser“, hier beim Nachtanken am Flugplatz in der kreisfreien Stadt Pirmasens

Foto: Holger Scholl

Die Besatzungen des temporär eingesetzten RTH “Christoph Kaiser“ stellten u. a. die Luftrettungszentren “Christoph 16“ in Saarbrücken (hier ein Einsatzfoto der Saarbrücker Maschine) ...

Die Besatzungen des temporär eingesetzten RTH “Christoph Kaiser“ stellten u. a. die Luftrettungszentren “Christoph 16“ in Saarbrücken (hier ein Einsatzfoto der Saarbrücker Maschine) ...

Foto: Holger Scholl

In der abschließenden Bilanz des Projektes „Christoph Kaiser“ seitens des federführenden Innenministeriums von Rheinland-Pfalz konnte festgestellt werden, dass die Flugzeiten des RTH in der Primärluftrettung, d. h. zu den Einsatzstellen, im Mittel acht Minuten betrugen. Dieses kurze Zeitfenster unterstrich bereits damals die Erkenntnis, dass die Luftrettung ihren systemimmanenten Zeitvorteil insbesondere in ländlichen Regionen ausspielen und somit zu einer hohen Effizienz der Notfallrettung beitragen kann. Der erfolgreiche Sondereinsatz von „Christoph Kaiser“ während der Fußball-WM führte in der Konsequenz zur Forderung eines eigenen RTH für die Westpfalz und unter dem Motto „Gleiche Chancen für ALLE Notfallpatienten“ zur Gründung der Bürgerinitiative (BI) „Christoph Kaiser“. Auch Prof. Dr. med. Christian Madler, Pionier der (Sekundär-)Luftrettung mit dem ITH „Christoph München“ am Klinikum der Universität München in Großhadern und zwischen 1994 und 2017 Chefarzt der Klinik für Anästhesie, Intensiv-, Notfallmedizin und Schmerztherapie 1 am WKK, setzte sich – unterstützt durch die Geschäfsführung des WKK – mit großer Beharrlichkeit und ebenso großem Engagement über zwei Jahrzehnte für die dauerhafte Stationierung eines RTH in der Westpfalz ein. Diesem Ziel ist man nun ein großes Stück näher gerückt.

... und “Christoph 77“ in Mainz (hier die EC 145 mit dem Kenner “D-HLRG“ noch am alten, bis Ende 2006 als Station genutzten Bodenlandeplatz an der Mainzer Universitätsklinik)

... und “Christoph 77“ in Mainz (hier die EC 145 mit dem Kenner “D-HLRG“ noch am alten, bis Ende 2006 als Station genutzten Bodenlandeplatz an der Mainzer Universitätsklinik)

Foto: Jörn Fries

Erst “Air Rescue Pfalz“ (eine AS 365 N3 “Dauphin“ der Johanniter Luftrettung – hier zu sehen in Buchholz bei Bruchmühlbach-Miesau), ...

Erst “Air Rescue Pfalz“ (eine AS 365 N3 “Dauphin“ der Johanniter Luftrettung – hier zu sehen in Buchholz bei Bruchmühlbach-Miesau), ...

Foto: Tobias Klein

... nun “Christoph 66“ (eine H145 der ADAC Luftrettung – hier zu sehen in Bad Bergzabern)

... nun “Christoph 66“ (eine H145 der ADAC Luftrettung – hier zu sehen in Bad Bergzabern)

Foto: Felix Hammer

Im nächsten Teil berichtet rth.info über das Wirken der Bürgerinitiative “Christoph Kaiser“. Teil 2 wird zeitnah erscheinen. Dazu gibt es auch ein EXKLUSIV-Interview mit Peter Ziepser, dem Vorsitzenden der ehemaligen Bürgerinitiative, zugleich Bürgermeister von Imsweiler im Donnersbergkreis, HEMS TC und zuletzt auch Stationsleiter der Johanniter-Luftrettungsstation “Air Rescue Pfalz“ in Sembach.

Autor(en)
Holger Scholl

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Über rth.info und unser Themenspektrum

Wir vom Nachrichtenmagazin rth.info berichten ehrenamtlich über Rettungshubschrauber, also notfallmedizinisch ausgerüstete und besetzte Helikopter, die im Rettungsdienst eingesetzt werden. Hubschrauber sind wertvoll als Rettungsmittel, da sie schnell, wendig und unabhängig vom Straßennetz sind. Ebenso dienen sie zum eiligen Transfer von Intensivpatienten zwischen Kliniken.

Für die Luftrettung besteht ein dichtes Standortnetz – sowohl von Rettungshubschraubern, als auch von Intensivtransport-Hubschraubern für den Interhospitaltransfer (siehe unsere Standortkarte). Die Standorte werden von staatlichen und nichtstaatlichen Betreibern unterhalten. Die ADAC Luftrettung stellt die meisten zivilen Rettungshubschrauber in Deutschland. Die DRF Luftrettung betreibt auch besonders viele Luftrettungszentren in Deutschland. Ihr Vorgänger war die Deutsche Rettungsflugwacht e.V. – bis zum Wechsel von Name und Rechtsform (2008). Weitere wichtige Betreiber, darunter das Bundesministerium des Innern mit seinen Zivilschutzhubschraubern, stellen wir hier vor.

Hubschrauber ergänzen den Rettungsdienst am Boden in medizinischen Notlagen. Sie sollen nicht den Bodenrettungsdienst ersetzen, da Rettungshubschrauber nicht allwetterfähig sind. Luftretter unterscheiden mehrere Einsatzarten. Die wichtigsten sind primäre Notfalleinsätze an einem Einsatzort und sekundäre Patiententransporte von einer Klinik zur anderen. In der Luftrettung kommt komplexe notfallmedizinische Technik zum Einsatz, die u.a. Anaesthesie, Chirurgie, Innere Medizin und Pädiatrie abdeckt.

"Helicopter Emergency Medical Services", kurz HEMS, ist die englische Bezeichnung für Luftrettungsdienst. Der Assistent des Notarztes wird daher als HEMS TC bzw. HEMS Crew Member bezeichnet. Zahlreiche Piloten verdienen in der Luftrettung ihren Lebensunterhalt – für viele Fans ein Traumberuf. Die Betreiber setzen viele Flugstunden und Erfahrung voraus.

Der aktuell bedeutsamste europäische Hubschrauberhersteller ist Airbus Helicopters mit seinen Baumustern H135, H145, und weiteren. Der US-amerikanische Hubschrauberhersteller Bell hat mit den Baumustern Bell 212, Bell 222, Bell 412, die Luftrettung mit geprägt, aber seit ca. 2010 Marktanteile an Airbus Helicopters verloren. Beschreibungen weiterer Hubschrauber-Hersteller finden Sie in unseren Typentexten.

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