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40 Jahre Luftrettung Ulm: Meilenstein im SAR-Dienst

04.08.2011

“In Ulm, um Ulm und um Ulm herum“... lautet ein Zungenbrecher, der bekannt ist. Ulm aber als eine der Wiegen der zivilen Luftrettung und als Gründungsstandort des wahrscheinlich größten Symphatieträgers der Bundeswehr – des SAR Dienstes – zu nennen fällt eher selten. In diesem Zusammenhang fällt dann meisten doch erst der „SAR 71“ aus Hamburg.

Mit dem Standort Ulm und der Luftrettung ist zweifellos der Name F. - W. Ahnefeld zu verbinden. Ahnefeld war unter anderem Bundesarzt des Deutschen Roten Kreuzes und Oberstarzt am Bundeswehr Krankenhaus Ulm. Prof. Ahnefeld gilt nicht nur als treibende Kraft für das damalige Test-Rettungszentrum der Bundeswehr, sondern hat weiterhin zu zahlreichen wegweisenden Entwicklungen beigetragen. Bereits in den 60er Jahren arbeitete er an einem Rettungscontainer für die Luftrettung. Die Firma Rotorkraft stellte einst einen Hubschrauber vom Typ KA 26 dem Ausbauhersteller Binz zur Verfügung. Der Clou dieses Hubschraubers war ein „Rettungscontainer“, die vom Cockpit getrennt war. Somit konnte man den Rettungscontainer bei Bedarf absetzen, der Hubschrauber war damit nicht am Einsatzort gebunden und konnte bei Bedarf weitere Rettungscontainer zur Einsatzstelle bringen bzw. belegte Einheiten zum Krankenhaus überführen. In den späteren Jahren war dieses System als „SAVE“ bodengebunden im Einsatz. Der Hubschraubertyp KA 26 (russisches Hubschraubermodell) setzte sich damals vor allem aus politischen Gründen nicht durch.

Der

Der "SAR 75" mit dem bekannten Muster Bell UH-1D am Standort in Ulm
Foto: Kai Münzenmayer

Aus dem verkehrspolitischen Bericht der Bundesregierung von 1970 ist zu entnehmen: „Die Bundesregierung ist der Ansicht, die Bundeswehr solle sich unter bestimmten Voraussetzungen am zivilen Rettungsdienst beteiligen. Dazu werde man in Ulm ein Test-Rettungszentrum in Betrieb nehmen." Im Mai 1971 genehmigte das Verteidigungsministerium den Testbetrieb, der sich über einen Zeitraum von sechs Monaten strecken sollte. Um praktische Erfahrungen in der Notfallrettung zu sammeln, kooperierte man mit der Berufsfeuerwehr München. Dort hatte man damals einen neuen Notarztwagen vom Typ Magirus FM 100 D7FA im Dienst. Dieses Fahrzeug hatte ausreichend Platz um ein viertes Besatzungsmitglied aufnehmen zu können. Später waren die Feuerwehrkameraden aus München im Bundeswehr-Rettungszentrum um dort erste Rettungssanitäter-Lehrgänge zu absolvieren.

Der erste Einsatz mit einem Hubschrauber ab Ulm wurde am 09. August 1971 durchgeführt. Der DRK Landesverband stellte damals eine Alouette von Sud Aviation zur Verfügung.

Ebenfalls eng arbeitete man schon damals mit der Ulmer Feuerwehr zusammen. Beide Partner entwickelten ein verlastbares feuerwehrspezifisches Notfallpaket. Bei bestimmten Alarmstichwörtern, wie zum Beispiel „eingeklemmte Person“, transportierte die Feuerwehr das Notfallpaket in einem Auto zum SAR-Hubschrauber-Standort und verlastete es dort in der Bell UH-1D. Außerdem stiegen noch zwei Feuerwehrkameraden in den „SAR 75“ zu (welche im Übrigen auf den Namen "Mathilde" hörte). Bis zum Eintreffen weiterer Rettungskräfte am Einsatzort hatte man also schon die Möglichkeit umfangreiche Rettungsmaßnahmen durchzuführen. Ähnliche Aktivitäten führte man mit einer Bundeswehrmaschine in Frankfurt am Main einige Jahre zuvor als Versuch durch. Übrigens erhielt die Ulmer Feuerwehr im Mai 1973 den ersten hydraulischen Rettungsspreizer mit Zubehör Europas. Auch der Rettungsspreizer wurde bei Bedarf dem SAR 75 zugeführt und war dann mit zwei Feuerwehrkameraden häufig als erstes Einsatzmittel vor Ort.

Februar 2003: Abflug der Bell UH-1D als

Februar 2003: Abflug der Bell UH-1D als "SAR 75"
Foto: Kai Münzenmayer

Offizielle Inbetriebnahme des Test-Rettungszentrums war der 02. November 1971. Bis zum Jahresende verzeichnete die Bundeswehr für den Hubschrauber nur 15 Einsätze. Eine große Rolle spielte und spielt in Ulm das Wetter und so wurde auch ein VW 1500 als Arztwagen und ein Rettungswagen der Bundeswehr am BWK Ulm stationiert, was in der damaligen Zeit eine richtungsweisende Entscheidung war. Während der Testphase kehrte der SAR-Hubschrauber täglich zum Fliegerhorst Penzing zurück. Da dieses Verfahren sehr zeit- und kostenintensiv war, erfolgte im März 1972 die Stationierung des Hubschraubers und Besatzung in der Kaserne Wilhelmsburg. Im Jahr 1983 konnte der Hubschrauberlandeplatz am Bundeswehrkrankenhaus fertiggestellt werden.

Eine erste Bilanz von bodengebundenen Rettungsmitteln (NEF / RTW) und SAR-Hubschrauber nach drei Jahren zeigte die Richtigkeit und Wichtigkeit des Standortes Ulm. Mehr als 4.600 Einsätze waren zusammengekommen.

Die leuchtrote SAR-Tür ist bis heute das Markenzeichen der SAR-Luftrettung

Die leuchtrote SAR-Tür ist bis heute das Markenzeichen der SAR-Luftrettung
Foto: Kai Münzenmayer

Die Luftrettung in Deutschland musste sich bekanntermaßen in den ersten Jahren gegen zahlreiche kritische Stimmen durchsetzen. Eine ganz andere Art von Widerstand gab es allerdings in Ulm. Durch einen Erlass wurden Medizinstudenten verpflichtet am Test-Rettungszentrum mitzuarbeiten. Die“ Alternative“ war der Wechsel zu einer anderen Universität. Die Ulmer Studentenschaft, aber auch einige Ärzte, sahen in der Vergabe einen „Zwang zur Mitarbeit zu einer möglichen Kriegsvorbereitung“.

In bundesweite Schlagzeilen kam der SAR 75 Anfang der 80er Jahre. Im Blätterwald war damals eine Schlagzeile zu lesen: „Keine Klinik wollte ihn operieren, Motorradfahrer verlor bei Unfall Arm und Bein.“ Dem Artikel war außerdem zu entnehmen, dass der bodengebundene Notarzt nach einem Verkehrsunfall den SAR 75 zur Verstärkung an der Einsatzstelle anforderte. Während der Versorgung des Patienten sollen mehrere Kliniken die Aufnahme des Patienten verweigert haben. Für den damaligen Notarzt des SAR 75 ergab sich dieses Bild nicht. Wegen der öffentlichen Vorwürfe wurde die Staatsanwaltschaft Tübingen mit der Prüfung beauftragt ob ein Verfahren wegen unterlassener Hilfeleistung einzuleiten sei. Aus der Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft war zu entnehmen: „Weder gegen die Ärzte noch gegen sonstiges Personal der Kliniken kann der Vorwurf erhoben werden, sie hätten die Durchführung einer erforderlichen Operation abgelehnt, obwohl sie dazu in der Lage gewesen wären. Auch sei der Abflug des Rettungshubschraubers durch die Suche nach einer geeigneten Klinik nicht verzögert worden.“

Viele Jahre war die Unterkunft der Crew im Schwesternwohnheim. Bei Alarm fuhr die diensthabende Besatzung mit einem bereit stehenden Pkw zum Landeplatz des SAR 75. Einige Zeit war jener Pkw ein „VW Käfer“. Dies inspirierte nicht nur die Patienten zur Nutzung eines damaligen Slogans: „Er läuft und läuft und läuft und sie fliegt und fliegt und fliegt.“ Gemeint war natürlich damit die Bell UH 1-D mit dem zweiten Teil des ergänzten Slogan. Mathilde und ihr Käfer - ein unverwüstliches Team!

Die Reduzierung der SAR Standorte machte allerdings auch in Ulm nicht halt. Von Seiten des Bundeswehrkrankenhauses hatte man weiterhin großes Interesse in der Luftrettung aktiv mitzuwirken. Ein entsprechendes Modellprojekt gab es bereits mit dem Standort Koblenz. In diesem Zusammenhang sollen nachfolgende rth.info-Informationen exklusiv erwähnt werden: Nach einer Anfrage beim zuständigen Ministerium in Stuttgart bezüglich des Fortbestandes des SAR-Hubschraubers wurde diese wie folgt beantwortet: „[...] diese Ankündigung wurde durch die Bundeswehr dahingehend präzisiert, daß der Rettungshubschrauber in Ulm im Jahr 2009 von der Bundeswehr abgezogen werden soll. Von Seiten des Landes Baden-Württemberg ist beabsichtigt den Standort Ulm in der Luftrettung auch im Falle des Rückzuges der Bundeswehr beizubehalten und ggf. die Trägerschaft des Luftrettungszentrum Ulm neu auszuschreiben."

Der 31. Dezember 2002 sollte eigentlich der letzte Arbeitstag von Mathilde und damit verbunden dem „Sound of rescue“ sein. Verschiedene Gründe (rth.info berichtete) sorgten für einen Einsatzbetrieb bis zum 31. März 2003. Die Bilanz von „SAR 75“ in insgesamt 32 Jahren (11/1971 bis 03/2003): 21.000 geflogene Einsätze, 11.300 Flugstunden (zum Vergleich: „SAR 71“ hatte von 1973 bis 2006 ca. 14.600 Flugstunden).

Altes Muster - Neues Muster: Wechsel von der Bundeswehr zum ADAC

Altes Muster - Neues Muster: Wechsel von der Bundeswehr zum ADAC
Foto: Kai Münzenmayer

Den Zuschlag für den Standort Ulm erhielt die ADAC Luftrettung. Anders als in Koblenz wird in Ulm standardmäßig eine BK 117 eingesetzt. Dieses hat seinen innerbetrieblichen Hintergrund. Mit dem Wechsel von Betreiber und Hubschraubertyp am 01.04.2003 waren auch umfangreiche Baumaßnahmen verbunden, da der Hangar war nicht für die BK ausgerichtet war. Nach rund einem Jahr Bauzeit konnten die Besatzungen dann ein neues Funktionsgebäude beziehen.

Die BK117 fliegt seit dem 01.04.2003 - dadurch musste auch der Hangar umgebaut werden

Die BK117 fliegt seit dem 01.04.2003 - dadurch musste auch der Hangar umgebaut werden
Foto: Kai Münzenmayer

Der Ulmer Spatz hat eine lange Tradition und beruht auf einer Sage, noch heute ist in der Stadt überall der gefiederte Freund zu sehn. Wen wundert es da, auch die Ulmer Luftrettungsstation erhielt im Juli 2007 seinen Spatz, allerdings in gelb. Seitdem spricht man auch vom fliegenden gelben Spatz, wenn es um „Christoph 22“ geht.

Der

Der "gelbe Spatz von Ulm" ziert seit 2007 die Station
Foto: Kai Münzenmayer

Mit über 1.500 Einsätzen im Jahr 2008 verzeichnete man das Einsatzstärkste Jahr, anhand der Aufzeichnungen (siehe Einsatzzahlen), wird man mit Ende diesem Jahres am Standort Ulm auf über 35.000 Einsätze verweisen können.

Christoph 22 landet an der Station von Christoph 17 am Klinikum Kempten-Oberallgäu

Christoph 22 landet an der Station von Christoph 17 am Klinikum Kempten-Oberallgäu
Foto: Kai Münzenmayer

Wir beglückwünschen die Station mit allen aktuellen und ehemaligen Besatzungen zu den 40jährigen Feierlichkeiten und wünschen dem gelben Spatz weiterhin: Many happy landings!

Christoph 22 bei Nacht

Christoph 22 bei Nacht
Foto: Kai Münzenmayer

Zu sehen ist das eigens entwickelte Wapppen für das Jubiläum

Zu sehen ist das eigens entwickelte Wapppen für das Jubiläum
Foto: Kai Münzenmayer

 
Autor(en)
HRG
Kai Münzenmayer
Roland Voigt