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50 Jahre zivile Luftrettung in Deutschland (Teil 7) – Hessen

28.01.2021

Mit der Indienststellung des ersten zivilen und ständig mit einem Notarzt besetzten Rettungshubschraubers (RTH) „Christoph 1“ in München schlug am 1. November 1970 die Geburtsstunde der öffentlich-rechtlichen Luftrettung in der Bundesrepublik Deutschland. rth.info nimmt den 50. Geburtstag der Luftrettung in Deutschland zum Anlass, die „Hubschrauberrettung“ in der Bundesrepublik auf die historische Entwicklung und den gegenwärtigen Stand in den einzelnen Bundesländern zu fokussieren. Damit sollen auch die immensen Leistungen und auch die mit einem stetigen Wandel verbundenen großen Herausforderungen sowie die Bedeutung der Luftrettung in einem europäischen und globalen System der schnellen Hilfe aus der Luftrettung näher beleuchtet werden.

Dies geschieht mit einer Darstellung der Luftrettung in den 16 Bundesländern Deutschlands in alphabetischer Reihenfolge. Heute berichten wir über die “Hubschrauberrettung“ im Land Hessen.

Historische Entwicklung

Der erste Pionierversuch in der bundesdeutschen Luftrettung wurde im Jahre 1967 in Hessen durchgeführt. Mit einem zweisitzigen Hubschrauber vom Typ Brantly startete am Flugplatz Neu-Anspach (EDFA) im Taunus der Praktische Arzt Hans-Werner Feder gemeinsam mit dem Piloten Franz Hartmannsberger zwischen dem 11. August und dem 1. September 1967 zu insgesamt 52 Einsätzen. Durch die schnelle Heranführung des Arztes, heute würde man den Begriff „Schneller Notarztzubringer“ bzw. Notarzteinsatzhubschrauber (NEH) verwenden, konnte die Eintreffzeit eines Arztes bei Verkehrsunfällen erheblich auf zehn Minuten verkürzt und damit die Überlebenschancen der Unfallopfer deutlich verbessert werden. Mit diesem Versuch konnte der Nutzen eines zukünftigen Hubschrauberrettungsdienstes erstmals eindeutig und belastbar belegt werden. Zu Ehren der beiden Pioniere wurde am 12. Mai 2018 eine Tafel am Gebäude des Flugplatzes angebracht.

Der Praktische Arzt Hans-Werner Feder führte im Sommer 1967 seinen wegweisenden Hubschrauberversuch durch

Der Praktische Arzt Hans-Werner Feder führte im Sommer 1967 seinen wegweisenden Hubschrauberversuch durch

Foto: Sammlung Hans-Werner Feder/Archiv Werner Wolfsfellner MedizinVerlag München

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Inspiriert von dem Pionierversuch in Neu-Anspach planten der Leitende Oberbranddirektor Ernst Achilles und der Leitende Polizeiarzt Th. Kunz einen weiteren Hubschrauberversuch im Rhein-Main-Gebiet. Daraus resultierend führte die Berufsfeuerwehr (BF) der Stadt Frankfurt am Main in Zusammenarbeit mit der dortigen Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik (BGU) und der Bundeswehr einen Feldversuch mit einem Hubschrauber, wie es damals geheißen hat, zur Unfallrettung durch. Von besonderer Bedeutung war dabei, dass gegenüber dem Versuch von Feder auch ein Patiententransport möglich war.

Am 11. April 1968 ging die große und damit auch geräumige Boeing-Vertol H-21 C mit dem Rufnamen „Florian Frankfurt Hubschrauber 1“ an der BGU an den Start. Die im Volksmund wegen ihres Aussehens auch als „Fliegende Banane“ bezeichnete Einsatzmaschine hatte eine siebenköpfige Besatzung bestehend aus zwei Piloten und einem Bordtechniker der Bundeswehr, zwei Sanitätern und einem Einsatzleiter der BF Frankfurt am Main sowie einem Notarzt der BGU Frankfurt am Main. Der große Hubschrauber der Heeresflieger aus Mendig konnte maximal vier liegende und vier sitzende Patienten transportieren. Er war neben der notfallmedizinischen Ausstattung auch mit Bergegeräten zur technischen Rettung und zwei großen 12 kg Feuerlöschern zur Sicherstellung des Brandschutzes ausgerüstet.

Der Testversuch wurde an acht Tagen über Ostern und Pfingsten 1968 durchgeführt, in dessen Rahmen insgesamt 15 Einsätze bei schweren Verkehrsunfällen geflogen wurden. Die Ergebnisse mit einem Hubschrauber in der Unfallrettung wurden als äußerst positiv bewertet. Daraus entstand auch die Forderung, dass für einen effektiven Hubschraubereinsatz die Krankenhäuser über Landeplätze verfügen müssen.

„Christoph 2“ Frankfurt – Luftrettung mit langer Tradition

Der Leitende Oberbranddirektor Ernst Achilles hatte bereits im Januar 1962 einen Antrag zur Beschaffung eines Hubschraubers für den Krankentransport bei der Stadt Frankfurt am Main gestellt. Für die wenigen dringlichen Verlegungsflüge, heute als Sekundärtransporte bezeichnet, wurde auf Hubschrauber der Bundeswehr und der im Rhein-Main-Gebiet stationierten US-Army zurückgegriffen. Es sollte allerdings noch mehr als zehn Jahre dauern, bis in Frankfurt am Main ein Hubschrauber für den Rettungsdienst zur Verfügung stand. Da der ursprünglich für Frankfurt vorgesehene RTH als Ersatz für den abgestürzten „Christoph 1“ in München eingesetzt wurde, stand die Beschaffung des Frankfurter Hubschraubers auf der Kippe. Der Vorsitzende der Björn Steiger Stiftung, Siegfried Steiger, verpfändete nach eigenen Angaben sein Haus, um die finanzielle Lücke bei der Beschaffung der gelben BO 105 C zu schließen.

Am 15. August 1972 wurde „Christoph 2“, ein Zivilschutz-Hubschrauber (ZSH) des Bundes, an der BGU Frankfurt am Main in Dienst gestellt. Ein Hangar mit einem Landeplatz wurde im Eingangsbereich der BGU errichtet, während die Crew zusammen mit der Besatzung des dort stationierten Notarztwagens (NAW) im Bereich der benachbarten Notaufnahme untergebracht war.

Frühe Aufnahme von ‘Christoph 2‘ im Patientengarten der BGU Frankfurt am Main

Frühe Aufnahme von ‘Christoph 2‘ im Patientengarten der BGU Frankfurt am Main

Foto: Team Christoph 2

Zwischen 1979 und 1980 wurde auch „Christoph 2“, wie alle anderen ZSH des Bundes, auf Anweisung des Bundesministeriums des Innern (BMI) in orange lackiert. Im Rahmen einer bundesweiten Umbenennung der BOS-Funkrufnamen wurde aus dem Frankfurter RTH 1982 „Christoph Frankfurt“. Auf Grund zahlreicher Beschwerden wurde nach fünf Monaten der RTH wieder in „Christoph 2“ umbenannt.

Am 8. Januar 1997 wurde die bisherige Einsatzmaschine vom Typ BO 105 C durch eine leistungsstärkere und um 25 cm verlängerte BO 105 CBS-5 „EC Superfive“ ersetzt. Im gleichen Jahr konnte am 9. September 1997 ein modernes Luftrettungszentrum auf einem Neubau der BGU bezogen werden. Seit dieser Zeit befindet sich die Luftrettungsstation im 12. Stock sowie der Hangar mit Landeplatz, drehbarer Landeplattform, Tank- und Löschanlage auf dem Dach darüber, dem 13. Stock. Elf Jahre später wurde am 29. Februar 2008 ein neuer und moderner ZSH des Bundes vom Typ EC 135 T2i in Frankfurt stationiert, die die bewährte BO 105 CBS-5 ablöste.

Von 1997 bis Anfang 2008 flog in Frankfurt am Main eine orange EC BO 105 CBS-5

Von 1997 bis Anfang 2008 flog in Frankfurt am Main eine orange EC BO 105 CBS-5

Foto: Jörn Fries

Seit Februar 2008 wird eine EC 135 T2i als “Christoph 2“ eingesetzt

Seit Februar 2008 wird eine EC 135 T2i als “Christoph 2“ eingesetzt

Foto: Jörn Fries

Zur Bewältigung eines Massenanfalls von Verletzten (MANV) hat das Land Hessen, vertreten durch das zuständige Hessische Innenministerium, für die ZSH „Christoph 2“ und „Christoph 7“ spezielle Container mit notfallmedizinischer Ausrüstung, die mit besonderen und zertifizierten luftfahrttechnischen Bodenhalterungssystemen der österreichischen Firma Air Ambulance Technology (AAT) versehen sind, entwickelt und beschafft. Die modellhaften MANV-50-Sets werden seit Januar 2008 an den Luftrettungsstationen Frankfurt am Main und Kassel vorgehalten, womit diese Katastrophenschutz-Landesbeschaffungen die Zivilschutzausstattung des Bundes ergänzen und optimieren. In der Planung ist auch die Beschaffung von zwei weiteren Containern, mit denen die landesweiten Antidote (Medikamente als Gegengifte) für eine MANV-Lage an den beiden hessischen ZSH-Stationen vorgehalten sowie tagsüber mit den RTH und nachts durch die jeweilige Berufsfeuerwehr an den Schadensort gebracht werden sollen.

Update 16.02.2021

Das Referat Katastrophenschutz, Krisenmanagement, Landeskrisenstab im Hessischen Ministerium des Innern und für Sport teilte rth.info freundlicherweise mit, dass die Sondereinsatzmittel 'Antidote-Container' an den Standorten Frankfurt am Main und Kassel seit Mai 2019 ebenfalls eingerichtet sind. Sie sind zudem im Sonderschutzplan 'Einsatz der Zivilschutz-Hubschrauber des Bundes für den Katastrophenschutz und Rettungsdienst im Land Hessen' hinterlegt und beschrieben.

Seit 2011 kann auf einem Neubau der BGU ein weiterer Dachlandeplatz von Fremdhubschraubern genutzt werden, wodurch der Landeplatz im Garten der BGU ersetzt und die Wege in Schockraum, Operationssaal und Intensivstation deutlich verkürzt wurden. Eine aufwendige Renovierung des Landeplatzes auf dem Dach der BGU machte am 5. Oktober 2017 die Interimsweise Verlegung von „Christoph 2“ auf das Rotorflug-Firmengelände in Friedrichsdorf im Taunus notwendig. Nach Fertigstellung der insgesamt sechs Millionen Euro teuren Baumaßnahme, die eine Vielzahl von Optimierungen enthält, ist „Christoph 2“ seit dem 24. November 2020 wieder auf dem Dach der BGU Frankfurt am Main stationiert. In der Zwischenzeit, d.h. während der Baumaßnahme, konnte von „Christoph 2“ für Patiententransporte zur BGU auch der zusätzliche Dachlandeplatz für sog. Fremdhubschrauber auf dem Neubau genutzt werden.

„Christoph 7“ Kassel – Der ZSH mit enger Bindung zur Fliegerstaffel

Mit dem ZSH „Christoph 7“ in Kassel wurde am 17. Dezember 1974 der zweite Hubschrauber in Hessen im Norden des Landes stationiert. Anfang trug der damals noch gelbe RTH den Rufnamen „Christoph 9“. Dies war der Tatsache geschuldet, dass ursprünglich alle RTH in Deutschland einfach durchnummeriert wurden und demnach war der RTH in Kassel der Neunte. Zu Beginn stand der RTH in der Wittich-Kaserne in Kassel, bis er im Jahre 1975 zum Rote-Kreuz-Krankenhaus Kassel mit dem ersten Dachlandeplatz in Hessen verlegt wurde. Seit dieser Zeit befindet sich die Luftrettungsstation im Westflügel des Obergeschosses unterhalb des Dachlandeplatzes, der direkt über eine kleine Treppe innerhalb der Räumlichkeiten zu erreichen ist.

Nach dem Fall der Mauer im November 1989 flog „Christoph 7“ im Frühjahr 1990 seinen ersten grenzüberschreitenden Einsatz, einen Sekundärtransport, in der damaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Genau wie in Frankfurt am Main wurde die Einsatzmaschine, eine BO 105 C, im Jahr 1996 gegen eine neuere, leistungsstärkere und längere BO 105 CBS-5 ausgetauscht. Seit 2008 kommt auch in Kassel eine moderne Einsatzmaschine des Typs EC 135 T2i zum Einsatz, wie auch ein moderner MANV-Container seit dieser Zeit vorgehalten wird.

Die von 1974 bis 1996 in Kassel eingesetzte BO 105 CB befindet sich heute im Technikmuseum Kassel

Die von 1974 bis 1996 in Kassel eingesetzte BO 105 CB befindet sich heute im Technikmuseum Kassel

Foto: Jörn Fries

Zwischen März 2011 und März 2012 wurde „Christoph 7“ infolge einer Renovierung des Rote-Kreuz-Krankenhauses und des Landeplatzes Interimsweise zur Bundespolizei-Fliegerstaffel Fuldatal verlegt. Im April 2012 konnte eine Tankanlage in Betrieb genommen werden, womit zahlreiche Tankflüge zur Fliegerstaffel nach Fuldatal entfallen konnten. Die Luftrettungsstation Kassel ist die einzige in Deutschland, die über keinen Hangar verfügt. Seit Beginn der Luftrettung in Kassel wird der RTH täglich zur nächtlichen Unterbringung zur nur wenige Kilometer Luftlinie entfernten Bundespolizei-Fliegerstaffel Fuldatal geflogen, die auch von Beginn an die Piloten und die technische Betreuung stellt. Gerade durch die Nähe zur Fliegerstaffel kam es auch immer wieder vor, dass kurzzeitig Einsatzreserven für „Christoph 7“ aus dem Bestand des ehemaligen Bundesgrenzschutzes (BGS) und der heutigen Bundespolizei (BPOL) mit medizinischer Ausstattung eingesetzt wurden. Neben der SA 318 C „Alouette II“, die als Notarztzubringer eingesetzt wurde, kam auch die damals grüne Bell UH-1D sowie später sowohl in grün als auch in blau die EC 135 T2 und die EC 155 B der BPOL zum Einsatz. An dieser Stelle soll nicht unerwähnt bleiben, dass die Aus- bzw. Fortbildung der TC HEMS für die ZSH des Bundes im Auftrag des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) zentral bei der Bundespolizei-Fliegerstaffel Fuldatal erfolgt.

„Christoph 28“ Fulda – Der Rettungsflieger in Osthessen

Nach Frankfurt am Main in Südhessen und Kassel in Nordhessen bestanden noch großen Lücken im Osten und der Mitte des Flächenbundeslandes Hessen, die durch die Beendigung der Ausbaustufe des BMI nicht mehr durch einen ZSH des Bundes geschlossen werden konnten. Der ADAC begann ab 1981 und wenig später mit der im Mai 1982 gegründeten ADAC Luftrettung mit dem Ausbau der Luftrettung in Deutschland. Für einen RTH in Fulda setzte sich der damalige Chefarzt der Anästhesiologie am Städtischen Klinikum Fulda, dem heutigen Klinikum Fulda, Prof. Reiner Dölp, mit großem Engagement ein. Dadurch konnte am 3. April 1984 ein gelber RTH des Typs BO 105 CBS-4 (D-HDPS), der ADAC Luftrettung, als „Christoph 28“ am Klinikum Fulda stationiert werden. Die Luftrettungsstation wurde neben der Klinik gemeinsam mit der Rettungswache für das dort stationierte Notarzteinsatzfahrzeug (NEF) errichtet.

1984 wurde vom ADAC in Fulda eine BO 105 CBS-4 in Dienst gestellt

1984 wurde vom ADAC in Fulda eine BO 105 CBS-4 in Dienst gestellt

Foto: Michael Butz (Archiv)

Wenige Tage nach dem Fall der Mauer bot der ADAC der Regierung der DDR die grenzüberschreitende Unterstützung ihrer RTH an. Kurzer Hand nahm die Besatzung von „Christoph 28“ persönliche Kontakte mit den Kollegen der Schnellen Medizinischen Hilfe (SMH), wie der Rettungsdienst in der DDR bezeichnet wurde, im benachbarten Kreis Bad Salzungen auf. In diesem Rahmen wurden die doch unterschiedliche Medizintechnik verglichen sowie organisatorische Fragen und die Abwicklung des Funks geklärt. Auch wurde das Einsatzspektrum der bis dahin in der DDR fehlenden Luftrettung erläutert.

Es sollte noch etwas dauern, bis am 8. März 1990 „Christoph 28“ seinen ersten grenzüberschreitenden RTH-Einsatz in die DDR fliegen konnte. Dabei wurde auch von der Luftrettungsstation Fulda der erste deutsch-deutsche Primäreinsatz geflogen, als „Christoph 28“ zu einem Patienten mit Herzinfarkt nach Bad Salzungen alarmiert wurde. Nach der erfolgten Notfallversorgung wurde der Patient unter Begleitung des RTH-Notarztes im NAW des DDR-Rettungsdienstes, einem heute legendären Barkas B1000 SMH-3, in das dortige Krankenhaus transportiert. Die akribischen Vorbereitungen und die äußerst kollegiale Zusammenarbeit hatten sich gelohnt, da die Kooperation beim ersten Einsatz gut funktioniert hatte. Einziger Wermutstropfen war die Bürokratie, da die Startfreigabe zum Flug in den von den sowjetischen Streitkräften kontrollierten Luftraum der DDR eine Verzögerung von 30 Minuten umfasste. Aber auch das sollte sich in der rasanten Entwicklung schnell ändern, so dass ab dem Sommer 1990 Rettungsflüge in die DDR ohne große Zeitverluste durchgeführt werden konnten.

Seit 2002 fliegt in Fulda eine EC 135 als “Christoph 28“

Seit 2002 fliegt in Fulda eine EC 135 als “Christoph 28“

Foto: Jörn Fries

Am 14. August 2002 wurde die BO 105 CBS-4 durch eine EC 135 P2 (D-HOEM) ersetzt. Fünf Jahre später gab es im Jahr 2007 einen Neubau der Luftrettungsstation am Klinikum Fulda, womit die RTH-Crew eine zeitgemäße Unterbringung bekam. Eine leistungsstärkere EC 135 P2+ (D-HXAB) wurde am 17. Januar 2014 in Fulda stationiert, die die ältere EC 135 ersetzte. Seit dem Fall der Mauer bzw. der Wiedervereinigung umfasst das Einsatzgebiet von „Christoph 28“ neben Osthessen auch Südthüringen und Unterfranken in Bayern. Seit seiner Indienststellung vor über 35 Jahren hat „Christoph 28“ mehr als 37.000 Einsätze geflogen.

Ambulanz-/Intensivtransporthubschrauber in Hessen

In Hessen waren zeitweise zwischen 1989 und Ende 1998 vier Anbieter bzw. Betreiber mit Ambulanzhubschraubern (AHS) tätig. So war am Flugplatz Egelsbach (EDFE), heute Frankfurt-Egelsbach Airport, der AHS mit dem Rufnamen „Rettung Frankfurt 89/1“, eine Bell 222 B (D-HHSM) der Helicopter Service Mitte GmbH (HSM) zwischen 1989-1997 stationiert. Die Firma HSM wurde 1997 vom ADAC aufgekauft, womit dieser die damaligen AHS-Stützpunkte in Engelsbach und Murnau (Bayern) erworben hatte. Dies hatte zur Folge, dass in Hessen der Stützpunkt Egelsbach für die Luftrettung nicht mehr genutzt wurde und dessen Sekundäreinsätze vom Dual-Use-Hubschrauber der ADAC-Luftrettung mit dem Rufnamen „Christoph 77“ in Mainz geflogen wurden, d.h. nach einer Aufteilung des Sekundärflugwesens unter den vier Betreibern, flog der gelbe ADAC-Hubschrauber eine Woche im Monat auch die Verlegungseinsätze im benachbarten Bundesland Hessen.

Ein weiterer AHS vom Typ Agusta A109A (D-HAMF) mit dem Rufnamen „Rettung Friedrichsdorf 89/1“ der Firma Rotorflug GmbH war am firmeneigenen Flugplatz in Friedrichsdorf stationiert. Darüber hinaus war auch am Flugplatz Calden (EDVK), seit 2015 Kassel Airport, in Nordhessen ein AHS des Typs AS 350 B „Ecureuil“ (D-HLOS bzw. D-HHWW) mit dem Rufnamen „Rettung Calden 89/1“ der Helicopter-Flug-Service GmbH (HFS) stationiert. Der vierte hessische AHS vom Typ SA 365 C3 (D-HAAK) war der „Rettung Reichelsheim 89/1“ der Firma Heli-Flight GmbH & Co. KG am Flugplatz Reichelsheim/Wetterau (EDFB), aus dem der heutige „Christoph Gießen“ hervorgegangen ist.

Im September 2005 war die als “Christoph Reichelsheim“ bezeichnete SA 365 C3 am Uniklinikum Aachen zu sehen

Im September 2005 war die als “Christoph Reichelsheim“ bezeichnete SA 365 C3 am Uniklinikum Aachen zu sehen

Foto: Ralph Nussbaum

Nach einer Ordnung des luftgebundenen Intensivtransportes durch das Land Hessen erhielt die Firma Heli-Flight GmbH & Co. KG Ende 1998 die öffentlich-rechtliche Beauftragung zur Durchführung des luftgebundenen Intensivtransportes rund um die Uhr, d.h. 24/7/365, womit die drei anderen Betreiber nicht mehr in das System des Intensivtransportes des Landes Hessen eingebunden waren.

„Christoph Mittelhessen“ Reichelsheim – Der Backup-Hubschrauber

Im Jahre 1996 wurde der Ambulanzhubschrauber (AHS) „Rettung Reichelsheim 89/1“ von der Firma Heli-Flight GmbH & Co. KG am Flugplatz Reichelsheim/Wetterau (EDFB), 28 km nördlich von Frankfurt am Main, stationiert. Damals war Reichelsheim, wie bereits zuvor beschrieben, noch einer von vier AHS-Standorten in Hessen. Der AHS und spätere ITH wurde seit 1997 im Rahmen einer Kooperation zwischen dem Betreiber Heli-Flight und der Johanniter-Unfall-Hilfe e.V. (JUH), Kreisverband Offenbach, mit Duldung des Landes Hessen betrieben.

Die öffentlich-rechtliche Genehmigung zur Mitwirkung in der Luftrettung des Landes Hessen erhielt die JUH ein Jahr später im Jahre 1998. Damit wurde der AHS bzw. ITH zum festen Bestandteil der Luftrettung in Hessen für den luftgebundenen Intensivtransport, sog. Sekundäreinsätze, rund um die Uhr, und einem Auftrag zur Notfallrettung, sog. Primäreinsätze, für den Wetteraukreis in Mittelhessen. Die Lackierung der damaligen Einsatzmaschine, eine SA 365 C3 „Dauphin“ (D-HAAK), war noch in den Betreiber-Farben weiß/blau sowie mit dem Johanniter-Emblem und der roten Aufschrift Notarzt versehen. Im Jahr 2006 wurde der Rufname in „Christoph Reichelsheim“ geändert. Gegen Mitte der Nullerjahre erhielt die Einsatzmaschine eine rot-weiße Lackierung, die Farben der Johanniter, und deren Aufschrift. In dieser Zeit änderte sich der Rufname in „Christoph Hessen“. Später, im Jahre 2014, erhielten die Einsatzmaschinen die noch heute typische Lackierung und die Beschriftung der Johanniter Luftrettung (JLR).

Auch das jüngste Mitglied der Johanniter-Luftrettungsfamilie, die EC 155 B1, trägt das neue Corporate Design der Johanniter Luftrettung

Auch das jüngste Mitglied der Johanniter-Luftrettungsfamilie, die EC 155 B1, trägt das neue Corporate Design der Johanniter Luftrettung

Foto: Ole Meisen

Sowohl in Reichelsheim als auch später in Gießen wurden seit der Ausmusterung der SA 365 C3 wechselweise leistungsstarke und gegenüber den anderen RTH/ITH deutlich größere Einsatzmaschinen des Typs AS 365 N3 „Dauphin“ mit den Kennzeichen D-HFHE, D-HFKG, D-HFOG, D-HJOH und D-HJUH eingesetzt. Darüber hinaus ist die “White Lady” mit dem Kenner D-HFVP besonders auffallend, da sie wie der Name schon vermuten lässt, nicht die JLR-typische Lackierung trägt. Mit der Inbetriebnahme der Luftrettungsstation Gießen änderte sich 2014 der BOS-Rufname des Reichelsheimer ITH abermals, diesmal in „Christoph Mittelhessen“, der seit dieser Zeit im Tagesbetrieb (09.00-21.00 Uhr) die Backup-Maschine für den „Christoph Gießen“ ist.

„Christoph Gießen“ – Der 24-Stunden-Hubschrauber

Um eine bestehende Lücke im Luftrettungsnetz von Hessen im Nordwesten des Bundeslandes zu schließen wurde nach einem sechsmonatigen Probebetriebes in Gießen mit „Christoph Hessen“ dort ein zukünftig vierter hessischer Luftrettungsstandort festgelegt. Nach der Erteilung der luftfahrtrechtlichen Genehmigungen wurde am 10. Juli 2014 der Dual-Use-Hubschrauber und zugleich einzige in 24-Stunden-Bereitschaft stehende Intensivtransporthubschrauber (ITH) für das Land Hessen in Gießen stationiert. Die Luftrettungsstation der JLR, die auch dort ihren Sitz hat, wurde abseits vom Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM) in der Gießener Innenstadt im Gewerbegebiet Margaretenhütte an der Lahnstraße westlich der Eisenbahnstrecke errichtet. Mit der Aufrüstung der Einsatzmaschine des Typs AS 365 N3 mit Night Vision Goggles (NVG), sog. Bildverstärkerbrillen (BIV), steht „Christoph Gießen“ seit dem Sommer 2015 auch für Primäreinsätze bei Nacht zur Verfügung.

Im Sommer 2014 konnte die JLR ihr neues Luftrettungszentrum in Gießen beziehen

Im Sommer 2014 konnte die JLR ihr neues Luftrettungszentrum in Gießen beziehen

Foto: Jörn Fries

Am 17. September 2019 stationiert und am 10. Oktober 2019 offiziell präsentiert wurde an der Luftrettungsstation eine Einsatzmaschine des Typs H155 (vormals als EC 155 B1 bezeichnet) mit dem Kenner D-HFLG. Dieser ist nach Angaben der JLR der modernste Hubschrauber seiner Gewichtsklasse für Primär- und Sekundärtransporte in Deutschland, womit den immer höheren Anforderungen im qualifizierten, luftgebundenen Intensivtransport adäquat Rechnung getragen werden soll. Die Einsatzmaschine verfügt über einen Innen- bzw. Patientenraum von 9,2 m³ und ist damit größer als alle derzeit eingesetzten Hubschraubertypen, womit neue Maßstäbe für eine optimale Patientenversorgung gesetzt wurden. Als fliegende Intensivstation verfügt der auch als ITH+ bezeichnete Hubschrauber über ein Alleinstellungsmerkmal, denn er kann stark übergewichtige Patienten mit einem Körpergewicht bis zu 400 kg transportieren. Darüber hinaus kann der ITH+ Transporte mit ECMO (Herz-Lungen-Maschine) oder Inkubatoren sowie Verlegungen von Patienten mit Infektionskrankheiten im Infektionsschutzsystem IsoArk und zusätzlichem medizinischen Begleitpersonal durchführen.

Intensivtransportflugzeuge – Zusätzliches Angebot für Verlegungsflüge

Über die Drehflügler hinaus verfügt die Firma Heli-Flight GmbH & Co. KG am Firmensitz, dem Flugplatz Reichelsheim, noch über zweimotorige Turboprop-Flugzeuge, die u.a. auch als Intensivtransportflugzeuge (ITF) genutzt werden können. Diese werden wie bei den Hubschraubern in Kooperation mit der JLR medizinisch besetzt. Damit sind auch längere Verlegungstransporte schnell und schonend durchführbar.

Rechtsgrundlagen der Luftrettung

Im Hessischen Rettungsdienstgesetz (HRDG) vom 16. Dezember 2010, zuletzt geändert durch Artikel 1 des Gesetzes vom 12. September 2018 mit einer Gültigkeit bis zum 31. Dezember 2026, sind die speziellen Regelungen zur Luftrettung im § 15 – Rettungsdienstplan, Fachplan Luftrettung, Bereichsplan – im Abs. 3 festgelegt. Dort heißt es im Satz 1: „Zur Sicherstellung der Luftrettung wird ein Fachplan Luftrettung durch das für das Rettungswesen zuständige Ministerium und die für die Durchführung der Luftrettung nach § 5 Abs. 5 bestimmte Landesbehörde im Einvernehmen mit dem für den Brand- und Katastrophenschutz zuständigen Ministerium aufgestellt.“ Der Satz 2 enthält die Weisung, dass der Fachplan Luftrettung, in dem die Vorgaben an Luftrettungsmittel und die Leistungserbringer sowie die Standorte festgelegt sind, im Abstand von jeweils fünf Jahren fortzuschreiben ist.

Gegenwärtiger Stand

Träger der Luftrettung in Hessen ist das Land. In diesem Rahmen ist das Regierungspräsidium (RP) Gießen – Dezernat 22 Luftrettung – die Aussichtsbehörde für die Luftrettung in Hessen, das auch den Fachplan Luftrettung erstellt. Weiterhin nimmt das RP Gießen konzeptionelle und planerische Grundsatzaufgaben in Abstimmung mit dem vorgesetzten Hessischen Sozialministerium in Wiesbaden wahr. Das RP Gießen regelt auch die sich aus der Einsatzdurchführung in der Praxis ergebenden Probleme. Des Weiteren ist das RP Gießen für die Einsatzabrechnung, Finanzierung und Verwaltung der Luftrettungsstationen „Christoph 2“ Frankfurt am Main und „Christoph 7“ Kassel, welche zugleich ZSH-Standorte des Bundes sind, zuständig.

Eine hessische Besonderheit ist an dieser Stelle noch anzumerken. Für die Luftrettung zur Ergänzung des bodengebundenen Rettungsdienstes ist im Land Hessen das Sozialministerium zuständig, während die beiden vorgenannten ZSH des Bundes im Bereich des Katastrophenschutzes dem dafür zuständigen Hessischen Innenministerium unterstehen. Derzeit sind in Hessen fünf Luftrettungsmittel stationiert, davon drei RTH und ein Dual-Use-Hubschrauber (RTH/ITH) sowie eine Back-up-Maschine. Mit dem Auslaufen des Vertrages zur Durchführung der Luftrettung am Standort Gießen, gemeinsam mit dem Back-up in Reichelsheim, ist eine europaweite Ausschreibung des Landes Hessen zum Betrieb der Luftrettungsstation Gießen demnächst zu erwarten. Darüber hinaus können die im Süden des Landes befindliche Polizeifliegerstaffel Hessen und die im Norden beheimatete Bundespolizei-Fliegerstaffel Fuldatal den Katastrophenschutz des Landes Hessen aus der Luft unterstützen.

Ergänzung der öffentlich-rechtlichen Luftrettung

Das Hessische Innenministerium hat Konzepte zur Waldbrandbekämpfung und Hochwasserabwehr unter Einbezug von Hubschraubern entwickelt, in deren Rahmen sowohl Polizeihubschrauber (PHS) des Landes Hessen als auch Einsatzhubschrauber der Bundespolizei (BPOL) eingesetzt werden können. Die Polizeifliegerstaffel Hessen verfügt an ihrem Standort dem Flugplatz Frankfurt-Egelsbach (EDFE) neben einem Aufklärungs- bzw. Einsatzflugzeug des Typs Vulcanair P 68 Observer 2 über drei Hubschrauber des Musters EC 145. Während das Flugzeug sehr gut zu Dokumentations- und Überwachungsflügen, u.a. auch zur Waldbranderkennung, eingesetzt werden kann, eignen sich die PHS als Mehrzweckhubschrauber hervorragend zur Waldbrandbekämpfung mittels Löschwasseraußenlastbehältern (LAB) und Windenrettung.

Die PHuSt Hessen setzt auf die EC 145 (hier ist eine der Maschinen noch mit Werkskennung zu sehen)

Die PHuSt Hessen setzt auf die EC 145 (hier ist eine der Maschinen noch mit Werkskennung zu sehen)

Foto: Dennis Passolt

Vor den Toren der Herkulesstadt Kassel hat die Bundespolizei-Fliegerstaffel Fuldatal ihren Standort, die einen besonderen einsatztaktischen Wert für die Bundespolizei (BPOL) hat, da sie in der Mitte der Bundesrepublik liegt. Mit den Leichten Transporthubschraubern (LTH) des Musters EC 155 B kann die BPOLFLS FDT im Katastrophenfall bei Hochwassereinsätzen speziell ausgebildete Air Rescue Specialists (ARS) von DLRG und Hilfsorganisationen punktgenau zur Menschenrettung u.a. mit der Rettungswinde absetzen. Die größeren Mittleren Transporthubschrauber (MTH) des Musters AS 332 L1 „Super Puma“ können durch den Transport von LAB die Waldbrandbekämpfung und mit speziellen Außenlastnetzen zum Transport von Sandsäcken bei Flutkatastrophen die Deichsicherung aus der Luft unterstützen. Zu diesem Zweck hat das Land Hessen für den LTH EC 155 und den MTH AS 332 L1 der BPOL acht LAB Bambi Bucket (Typ 4453) und neue Außenlastnetze beschafft, die baugleich und kompatibel mit denen der BPOL sind.

Anlässlich einer Wasserrettungsübung im April 2008 kam auch die EC 155 der BPOL-Fliegerstaffel Fuldatal zum Einsatz

Anlässlich einer Wasserrettungsübung im April 2008 kam auch die EC 155 der BPOL-Fliegerstaffel Fuldatal zum Einsatz

Foto: Jörn Fries

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Über rth.info und unser Themenspektrum

Wir vom Nachrichtenmagazin rth.info berichten ehrenamtlich über Rettungshubschrauber, also notfallmedizinisch ausgerüstete und besetzte Helikopter, die im Rettungsdienst eingesetzt werden. Hubschrauber sind wertvoll als Rettungsmittel, da sie schnell, wendig und unabhängig vom Straßennetz sind. Ebenso dienen sie zum eiligen Transfer von Intensivpatienten zwischen Kliniken.

Für die Luftrettung besteht ein dichtes Standortnetz – sowohl von Rettungshubschraubern, als auch von Intensivtransport-Hubschraubern für den Interhospitaltransfer (siehe unsere Standortkarte). Die Standorte werden von staatlichen und nichtstaatlichen Betreibern unterhalten. Die ADAC Luftrettung stellt die meisten zivilen Rettungshubschrauber in Deutschland. Die DRF Luftrettung betreibt auch besonders viele Luftrettungszentren in Deutschland. Ihr Vorgänger war die Deutsche Rettungsflugwacht e.V. – bis zum Wechsel von Name und Rechtsform (2008). Weitere wichtige Betreiber, darunter das Bundesministerium des Innern mit seinen Zivilschutzhubschraubern, stellen wir hier vor.

Hubschrauber ergänzen den Rettungsdienst am Boden in medizinischen Notlagen. Sie sollen nicht den Bodenrettungsdienst ersetzen, da Rettungshubschrauber nicht allwetterfähig sind. Luftretter unterscheiden mehrere Einsatzarten. Die wichtigsten sind primäre Notfalleinsätze an einem Einsatzort und sekundäre Patiententransporte von einer Klinik zur anderen. In der Luftrettung kommt komplexe notfallmedizinische Technik zum Einsatz, die u.a. Anaesthesie, Chirurgie, Innere Medizin und Pädiatrie abdeckt.

"Helicopter Emergency Medical Services", kurz HEMS, ist die englische Bezeichnung für Luftrettungsdienst. Der Assistent des Notarztes wird daher als HEMS TC bzw. HEMS Crew Member bezeichnet. Zahlreiche Piloten verdienen in der Luftrettung ihren Lebensunterhalt – für viele Fans ein Traumberuf. Die Betreiber setzen viele Flugstunden und Erfahrung voraus.

Der aktuell bedeutsamste europäische Hubschrauberhersteller ist Airbus Helicopters mit seinen Baumustern H135, H145, und weiteren. Der US-amerikanische Hubschrauberhersteller Bell hat mit den Baumustern Bell 212, Bell 222, Bell 412, die Luftrettung mit geprägt, aber seit ca. 2010 Marktanteile an Airbus Helicopters verloren. Beschreibungen weiterer Hubschrauber-Hersteller finden Sie in unseren Typentexten.

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