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Luftrettung im kleinsten Hochgebirge der Welt

20.12.2020

Die Hohe Tatra mag zwar flächenmäßig als kleinstes Hochgebirge der Welt zählen, mit ihren bis zu 2655 Meter hohen Gipfeln birgt sie jedoch nicht minder große Risiken für die Menschen, die sich in diesem anspruchsvollen Terrain bewegen. Dazu gehören ebenso die Bergretter, welche im Notfall Hilfe leisten und dabei ihrerseits immer wieder vor Herausforderungen gestellt werden. Deswegen ist auch hier die Bergrettung ohne Luftunterstützung kaum noch denkbar.

Rückkehr von einem Einsatz

Rückkehr von einem Einsatz

Foto: Johannes Herrmann

Etwa ein Drittel der Hohen Tatra erstreckt sich auf polnischem Staatsgebiet. Während im übrigen Polen die staatliche Luftrettungsorganisation Lotnicze Pogotowie Ratunkowe (LPR) mit EC 135 die landesweite Luftrettung sicherstellt, wird den topografischen Besonderheiten in den Bergen mit einem speziell auf die Gebirgsrettung ausgerichteten Konzept Rechnung getragen.
Am Krankenhaus Zakopane betreibt die Tatrzańskie Ochotnicze Pogotowie Ratunkowe (TOPR), die polnische Bergrettungsorganisation der Tatra, ihr eigenes Luftrettungszentrum. Von hier aus starten die Besatzungen mit der PZL Świdnik W-3A Sokoł SP-SXW zu Einsätzen.

Die Besatzungen

Über in der Regel sieben Tage am Stück versehen hier zwei Piloten, zwei Bergretter, ein Einsatzleiter bzw. „Crew Chief“ und ein Mechaniker ihren Dienst. Dabei kann auf einen Personalpool von jeweils sechs Piloten und Crew Chiefs sowie neun Bergrettern zurückgegriffen werden. Je nach Bedarf können auch weitere Rettungskräfte aufgenommen und zum Einsatzort verbracht werden. Von Zeit zu Zeit fliegen auch freiwillig Dienst leistende Notärzte mit, dies ist aber nicht die Regel.

Allerlei Equipment tragen die Bergretter für ihre Arbeit im Gelände am Mann

Allerlei Equipment tragen die Bergretter für ihre Arbeit im Gelände am Mann

Foto: Johannes Herrmann

Die Piloten sind mit ca. 7000 bis 8000 Flugstunden bestens für die anspruchsvolle Gebirgsfliegerei gerüstet. Einen großen Teil ihrer Flugerfahrung haben sie dabei bei Feuerlöschflügen auf der Sokoł in Südeuropa, also einem ebenfalls sehr herausfordernden Einsatzprofil, gesammelt.

Der Einsatzleiter ist, natürlich vorbehaltlich der Entscheidung der Piloten über die fliegerische Durchführbarkeit, Chef der Besatzung und taktischer Führer des Einsatzes. Er entscheidet wie eine Rettung durchgeführt wird, also z.B. ob mittels Winde oder Fixtau. Er hat die Funktion des Windenbedieners inne, kann durch seine medizinische Grundausbildung aber auch bei der Versorgung von Verletzten unterstützen.

Die Bergretter versehen ihren Dienst im Gegensatz zu den anderen Besatzungsmitgliedern nicht ausschließlich auf dem Hubschrauber. Sind sie nicht für den Luftrettungsdienst eingeteilt rücken sie mit anderen, teils auch freiwilligen, Bergrettern bodengebunden zu Einsätzen aus. Teilweise sind sie auch noch im regulären Rettungsdienst aktiv. Im internationalen Jargon entspricht ihre Qualifikation dem eines ‚Paramedic‘. Sie sind aber nicht nur medizinisch ausgebildet, sondern auch in den unterschiedlichsten (Berg-)Rettungstechniken geschult und fortgebildet, um Verunglückten adäquate Hilfe zuteilwerden zu lassen.

In der großzügigen Kabine der Sokoł finden bis zu fünf Gerettete Platz

In der großzügigen Kabine der Sokoł finden bis zu fünf Gerettete Platz

Foto: Johannes Herrmann

Der Mechaniker verbleibt während der Einsätze in der Regel am Stützpunkt. Er unterstützt die Besatzung soweit möglich bei der Vor- und Nachbereitung von Flügen, überwacht den Anlassvorgang des Hubschraubers, übernimmt die Betankung und kümmert sich natürlich nicht zuletzt um alle technischen Belange des Hubschraubers. Sie alle sind direkt bei der TOPR angestellt. Dies war nicht immer so. In den Anfängen stellte noch die LPR den Hubschrauber (ebenfalls eine Sokoł) und die Besatzung. Letztendlich übernahm die TOPR auch den fliegerischen Part selbst. Durch eine Partnerschaft mit der Warschauer Husair-Aviation wird der Hubschrauber unter deren AOC betrieben, so dass man den Aufwand für die Implementierung eines eigenen Luftverkehrsbetreiberzeugnisses umgehen konnte.

Disposition, Einsatzmöglichkeiten und Taktik

Geht ein Notruf in der Leitstelle der ebenfalls in Zakopane ansässigen TOPR-Zentrale ein, muss der diensthabende Entscheidungsberechtigte abwägen, ob der Einsatz des Hubschraubers erforderlich ist. Dieser steht ausschließlich tagsüber in Sofortbereitschaft. Bejaht er diese Frage, so wird die Besatzung alarmiert; diese muss dann entscheiden, ob der Einsatz durchführbar ist, da insbesondere im Gebirge das Wetter natürlich stets als limitierender Faktor in Frage kommen könnte. Denn geflogen wird ausschließlich unter Sichtflugbedingungen. Bezüglich der Performance sind die Piloten mit ihrem Arbeitsgerät sehr zufrieden, da die Sokoł mit ihren beiden je 662 kW starken Triebwerken gut motorisiert ist. Da das Einsatzgebiet nicht besonders weit ausgedehnt ist wird der Hubschrauber standardmäßig für ca. anderthalb Stunden Flugzeit betankt. Damit stehen noch ausreichende Gewichts- und somit Leistungsreserven zur Verfügung um neben der Besatzung bis zu fünf weitere Personen an Bord nehmen zu können.

Blick in den „Uhrenladen“ der Sokoł (gemeint sind damit die analogen Instrumente im Cockpit)

Blick in den „Uhrenladen“ der Sokoł (gemeint sind damit die analogen Instrumente im Cockpit)

Foto: Johannes Herrmann

Dies ist besonders wichtig da die Mehrzahl der Einsätze in den wärmeren Monaten des Jahres geflogen wird. Im Sommer halten sich täglich bis zu 30.000 Touristen und Bergsportler in den Bergen auf und sorgen für ein entsprechend hohes Einsatzaufkommen. Dabei geht es nicht immer nur um vorrangig medizinische Notfälle. Oft überschätzen Touristen ihre körperliche Leistungsfähigkeit und müssen entkräftet gerettet werden um nicht von der Dunkelheit eingeholt zu werden. Oder sie versteigen sich nachdem sie die gekennzeichneten Wege verlassen haben und können nicht mehr gefahrlos weiter oder zurück. Bei schwerer verletzten Patienten stehen die Besatzungen mitunter vor dem Problem, dass ihr gesetzlicher Auftrag lediglich in der Rettung und dem Transport ins nächstgelegene Krankenhaus besteht. Dies ist in fast allen Fällen das in Zakopane. Ist aber von vorn herein klar, dass der Patient nur in einer größeren Klinik, beispielsweise in Krakau, adäquat behandelt werden kann, muss sie für etwaige Komplikationen auf dem ca. 20-minütigen Flug dorthin trotzdem die volle Verantwortung übernehmen.

Die vier Funktionen im Team: Bergretter, Einsatzleiter, Pilot und Mechaniker (v.l.n.r.)

Die vier Funktionen im Team: Bergretter, Einsatzleiter, Pilot und Mechaniker (v.l.n.r.)

Foto: Johannes Herrmann

Nicht der Bergrettung zuzuordnende Einsätze sind zwar prinzipiell möglich, allerdings sehr selten. Wird beispielsweise bei einem Verkehrsunfall oder sonstigen medizinischen Notfällen in der Gegend ein Hubschrauber benötigt schickt die entsprechende Rettungsleitstelle zunächst den arztbesetzten Krakauer Rettungshubschrauber der LPR und erst als zweite Option die TOPR-Maschine. Hin und wieder kommt es auch vor, dass die GOPR, die außerhalb der hochalpinen Hohen Tatra zuständige polnische Bergrettungsorganisation, die Spezialisten aus Zakopane anfordert.

Das TOPR-Luftrettungszentrum am Krankenhaus Zakopane

Das TOPR-Luftrettungszentrum am Krankenhaus Zakopane

Foto: Johannes Herrmann

Internationale Kooperation

Bei einem Notfall auf slowakischer Seite können die Retter auch grenzüberschreitend angefordert werden, falls der dort eigentlich zuständige Rettungshubschrauber aus Poprad beispielsweise einsatz- oder wetterbedingt nicht verfügbar ist. Im Gegenzug unterstützen die Slowaken wenn nötig auch auf polnischer Seite. Bei einer längeren planbaren Nichtverfügbarkeit des eigenen Hubschraubers, wie zum Beispiel während der stets auf den einsatzschwachen Herbst terminierten großen jährlichen Wartung, ist man mangels Ersatzhubschrauber auf externe Hilfe angewiesen. So halfen bereits die Polizei und zuletzt die polnische Luftwaffe durch Bereitstellung einer Sokoł mit fliegerischer Besatzung aus.

Einsatzstatistik und Finanzierung

Rund 200 Einsätze absolvieren die Besatzungen jährlich. Etwa genau so viel Flugzeit wie auf Realeinsätze entfallen auf Übungen. Denn naturgemäß erfordert der Einsatz von Winde und Rettungstau einen hohen Trainingsaufwand. Und die Retter sehen es als großen Vorteil an zwischen beiden Möglichkeiten wählen zu können. Am 50 m langen Windenseil können bis zu 270 kg gehoben werden, am ebenfalls über der linken Schiebetür installierten Doppellasthaken sogar bis zu 600 kg. Die bisher größte eingesetzte Seillänge lag bei 180 m.

Die polnische Verfassung garantiert übrigens jedem Staatsbürger eine kostenfreie Rettung. In der Praxis werden aber allen Geretteten, unabhängig der Nationalität, keinerlei Kosten in Rechnung gestellt. Die TOPR ist von staatlicher Seite mit der Bergrettung beauftragt und bekommt für deren Durchführung, also auch für den Hubschrauberbetrieb, finanzielle Mittel aus öffentlicher Hand. Diese reichen jedoch nicht aus um die Kosten komplett zu decken. Das finanzielle Fehl muss deshalb hauptsächlich durch Spenden ausgeglichen werden. Darum wirbt man beispielsweise auf dem Hubschrauber mit dem „1 %“-Aufkleber für ein Programm, welches es Polen ermöglicht ein Prozent ihres Einkommens automatisch an eine gemeinnützige Organisation wie eben die TOPR zu spenden.

Auch die Polizei und das Militär Polens nutzen Sokoł-Hubschrauber. Diese wurden  von PZL-Świdnik gebaut – heute eine Tochter der italienischen Firma Leonardo

Auch die Polizei und das Militär Polens nutzen Sokoł-Hubschrauber. Diese wurden von PZL-Świdnik gebaut – heute eine Tochter der italienischen Firma Leonardo

Foto: Johannes Herrmann

Start zu einem Einsatz in die Berge

Start zu einem Einsatz in die Berge

Foto: Johannes Herrmann

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Über rth.info und unser Themenspektrum

Wir vom Nachrichtenmagazin rth.info berichten ehrenamtlich über Rettungshubschrauber, also notfallmedizinisch ausgerüstete und besetzte Helikopter, die im Rettungsdienst eingesetzt werden. Hubschrauber sind wertvoll als Rettungsmittel, da sie schnell, wendig und unabhängig vom Straßennetz sind. Ebenso dienen sie zum eiligen Transfer von Intensivpatienten zwischen Kliniken.

Für die Luftrettung besteht ein dichtes Standortnetz – sowohl von Rettungshubschraubern, als auch von Intensivtransport-Hubschraubern für den Interhospitaltransfer (siehe unsere Standortkarte). Die Standorte werden von staatlichen und nichtstaatlichen Betreibern unterhalten. Die ADAC Luftrettung stellt die meisten zivilen Rettungshubschrauber in Deutschland. Die DRF Luftrettung betreibt auch besonders viele Luftrettungszentren in Deutschland. Ihr Vorgänger war die Deutsche Rettungsflugwacht e.V. – bis zum Wechsel von Name und Rechtsform (2008). Weitere wichtige Betreiber, darunter das Bundesministerium des Innern mit seinen Zivilschutzhubschraubern, stellen wir hier vor.

Hubschrauber ergänzen den Rettungsdienst am Boden in medizinischen Notlagen. Sie sollen nicht den Bodenrettungsdienst ersetzen, da Rettungshubschrauber nicht allwetterfähig sind. Luftretter unterscheiden mehrere Einsatzarten. Die wichtigsten sind primäre Notfalleinsätze an einem Einsatzort und sekundäre Patiententransporte von einer Klinik zur anderen. In der Luftrettung kommt komplexe notfallmedizinische Technik zum Einsatz, die u.a. Anaesthesie, Chirurgie, Innere Medizin und Pädiatrie abdeckt.

"Helicopter Emergency Medical Services", kurz HEMS, ist die englische Bezeichnung für Luftrettungsdienst. Der Assistent des Notarztes wird daher als HEMS TC bzw. HEMS Crew Member bezeichnet. Zahlreiche Piloten verdienen in der Luftrettung ihren Lebensunterhalt – für viele Fans ein Traumberuf. Die Betreiber setzen viele Flugstunden und Erfahrung voraus.

Der aktuell bedeutsamste europäische Hubschrauberhersteller ist Airbus Helicopters mit seinen Baumustern H135, H145, und weiteren. Der US-amerikanische Hubschrauberhersteller Bell hat mit den Baumustern Bell 212, Bell 222, Bell 412, die Luftrettung mit geprägt, aber seit ca. 2010 Marktanteile an Airbus Helicopters verloren. Beschreibungen weiterer Hubschrauber-Hersteller finden Sie in unseren Typentexten.

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