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Luftrettung in der DDR (Teil 1): Der Hubschraubereinsatz war die große Ausnahme! – Schnelle Medizinische Hilfe in der Vorwendezeit

09.11.2019

rth.info nimmt den 30. Jahrestag des Mauerfalls vom 9. November 1989 zum Anlass, die Entwicklung der Luftrettung in Ostdeutschland (DDR und neue Bundesländer) und die historischen Ereignisse in einer dreiteiligen Serie noch einmal in den Fokus zu rücken.

Schnelle Medizinische Hilfe, aber ohne Hubschrauber

„Auferstanden aus Ruinen“, so lauteten nicht nur die ersten Zeilen der Nationalhymne der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR), es war auch im wahrsten Sinne des Wortes der Stand des Rettungsdienstes nach dem Kriegsende am 8. Mai 1945. Zur Gewährleistung eines Krankentransportes – von einem Rettungsdienst war in der Nachkriegszeit überhaupt nicht zu reden – wurde in der zentralistisch organisierten Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und nach Gründung der DDR am 7. Oktober 1949 das dortige Deutsche Rote Kreuz (DRK) ab dem 1. Januar 1953 sogar in Monopolstellung eingesetzt.

In der DDR wurde der erste Einsatzwagen der „Schnellen Hilfe“, wie der Notarztwagen (NAW) dort bezeichnet wurde, im Januar 1960 in Betrieb genommen. Weitere mit Ärzten besetzte Einsatzwagen folgten im Jahr des Mauerbaus 1961 in Greifswald und 1966 in Jena. Der planmäßige und damit organisierte Aufbau der Notfallrettung erfolgte mit der Anweisung Nr. 1 des Ministeriums für Gesundheitswesen (MfGe) und des Präsidiums des DRK der DDR über die Dringliche Medizinische Hilfe (DMH) vom 17. Juli 1967. Neun Jahre später kam es zur Erweiterung der präklinischen Versorgung durch Anweisungen zum Aufbau der Schnellen Medizinischen Hilfe (SMH), wie der Rettungsdienst in der DDR fortan bezeichnet wurde, vom 9. März 1976 bzw. 12. Juni 1976. Der Einsatz von Hubschraubern zur Rettung und Verlegung war darin überhaupt nicht vorgesehen.

Rettung wie zu DDR-Zeiten: historische Übung im Jahre 2009 in Hennigsdorf mit dem Barkas B1000 SMH-3, der bis nach der Wende in Ostdeutschland den Notarzt zum Einsatzort brachte

Rettung wie zu DDR-Zeiten: historische Übung im Jahre 2009 in Hennigsdorf mit dem Barkas B1000 SMH-3, der bis nach der Wende in Ostdeutschland den Notarzt zum Einsatzort brachte

Foto: Jörn Fries

Die Einsatzwagen, einschließlich Funk und Fahrer, für die SMH und den Krankentransport stellte das DRK der DDR, während die medizinische Besatzung, bestehend aus einem Notarzt und einer speziell ausgebildeten Krankenschwester bzw. einem Pfleger, über die Kliniken von der SMH gestellt wurden. Durch den Zentralismus bestand in der DDR eine landesweit einheitliche Ausstattung. Dabei setzten das Rettungsamt Berlin (nur im Ostteil der damals geteilten Stadt) und die SMH über das DRK der DDR den heute legendären, aber leistungsschwachen Barkas in der Version B1000 SMH-2 und später in der vergrößerten Variante SMH-3 als Standardfahrzeug ein, das in seiner medizinischen Ausstattung mit bundesdeutschen NAW durchaus vergleichbar war. Als Krankentransportwagen (KTW) und für Verlegungstransporte setzte das DRK der DDR den B1000 KK ein. Die Arbeit der SMH und des DRK der DDR wird in der siebenteiligen Serie „Bereitschaft Dr. Federau“ des Fernsehens der DDR, die in Güstrow produziert wurde, aus den Jahren 1987/88 fachlich versiert und sehr realitätsnah dargestellt. Wer allerdings auf Hubschraubereinsätze hofft, wie dies zu dieser Zeit bereits in westdeutschen Produktionen vielfach der Fall war, wird enttäuscht, da es de facto keine zivile Luftrettung in der DDR gab.

Zivile Luftrettung in der DDR – die ganz große Ausnahme

Das grundsätzliche Fehlen einer zivilen Luftrettung, wie sie in Westdeutschland ab 1970 auf- und in den Folgejahren kontinuierlich ausgebaut wurde, war ein absoluter Schwachpunkt im ostdeutschen SMH-System. So kamen Hubschrauber in der DDR bis zum Mauerfall lediglich für sehr wenige Verlegungsflüge, sog. Sekundärtransporte, zum Einsatz. Von einer Primärrettung mit Rettungshubschraubern (RTH) als schnellem Notarztzubringer nach westdeutschem Vorbild war keine Spur, dies vor allem aus militärischen, aber wohl auch aus politischen und finanziellen Gründen. Auch gab es keine grenzüberschreitende Zusammenarbeit in Rettungsdienst und Katastrophenschutz, so dass für grenznahe westdeutsche RTH und später Ambulanzhubschrauber (AHS) sowie den am 1. September 1987 im Westteil des geteilten Berlin am Universitätsklinikum Benjamin Franklin in Steglitz stationierten „Christoph 31“ das Überfliegen der Staatsgrenze der DDR bzw. der Mauer strengstens verboten war!

Heute längst nicht nur ein Stück Berliner, sondern deutsch-deutscher Geschichte: der erste RTH „Christoph 31“ im geteilten Berlin ist seit Anfang 2007 vor dem Feuerwehrmuseum Berlin im Stadtteil Tegel zu bestaunen

Heute längst nicht nur ein Stück Berliner, sondern deutsch-deutscher Geschichte: der erste RTH „Christoph 31“ im geteilten Berlin ist seit Anfang 2007 vor dem Feuerwehrmuseum Berlin im Stadtteil Tegel zu bestaunen

Foto: Jörn Fries

Fast flächendeckende und modellhafte Luftrettung im Westen: einsatzbereiter RTH „Christoph 16“ in Saarbrücken am 7. November 1989 gegen 16.00 Uhr – dass nur zwei Tage und drei Stunden später die Mauer fallen würde, hatte damals niemand geahnt

Fast flächendeckende und modellhafte Luftrettung im Westen: einsatzbereiter RTH „Christoph 16“ in Saarbrücken am 7. November 1989 gegen 16.00 Uhr – dass nur zwei Tage und drei Stunden später die Mauer fallen würde, hatte damals niemand geahnt

Foto: Holger Scholl

Zur Durchführung sporadischer und improvisierter Verlegungstransporte auf dem Luftweg wurden anfangs Militärhubschrauber der russischen Streitkräfte sowie später der Nationalen Volksarmee (NVA) und am meisten durch die Interflug, der 1958 gegründeten staatlichen Fluggesellschaft der DDR, der Muster Kamov Ka-26, Mil Mi-2, Mil Mi-4 und Mil Mi-8 mit langen Genehmigungs- und Vorlaufzeiten eingesetzt. Da die Hubschrauber über keine notfallmedizinische Ausstattung verfügten, musste diese „leihweise“ von einem SMH-Einsatzwagen zur Verfügung gestellt werden, ebenso wie das medizinische Begleitpersonal. Für Hubschrauber- und Flugzeugeinsätze der Interflug, die seit 1971 über den Flugmedizinischen Dienst am Flughafen Berlin-Schönefeld angefordert werden konnten, standen Ärzte des Flughafens als medizinisches Begleitpersonal zur Verfügung. Bereits ein Jahr zuvor wurde bei der Interflug eine sog. Rettungsflugbereitschaft eingerichtet, ebenso wie ein flächendeckendes Netz von 380 Rettungsflugplätzen in DDR sowie deren Absicherung und Ausleuchtung durch die Deutsche Volkspolizei (DVP) festgelegt. Im Rahmen der wenigen Verlegungsflüge wurde beispielsweise am 1. August 1959 ein schwerverletzter Patient von Rathenow nach Berlin geflogen, wo spektakulär die Landung einer Mil Mi-4A der NVA auf dem damaligen Marx-Engels-Platz, dem heutigen Schlossplatz, im Bezirk Mitte, und der anschließende Weitertransport mit Unterstützung durch die DVP und die Berliner Feuerwehr (BF) mit einem Krankentransportwagen (KTW) des DRK der DDR zur Charité, der heutigen Universitätsmedizin Berlin, erfolgte. Auch der Einsatz zur Katastrophenhilfe stellte eine absolute Ausnahme dar, wie anlässlich des Jahrhundertwinters 1978/1979 mit extrem starken Schneefällen, wo neben dem Personen- und Materialtransport auch Schwerkranke und Schwangere durch die NVA evakuiert wurden. Hier ging der Transport einer hochschwangeren Frau mit einem mittleren Transporthubschrauber des Musters Mil Mi-8T bei sehr schlechten Sichtverhältnissen durch starken Schneefall in die Geschichte der DDR ein. Von einem nahezu flächendeckenden zivilen Hubschrauber-Rettungsdienst, wie die Luftrettung anfangs in der Bundesrepublik bezeichnet wurde, nach westdeutschem Vorbild, konnte man in der DDR bis Ende 1989 nur träumen.

Wie viele Verlegungstransporte und Einsätze zur Katastrophenhilfe mit Hubschraubern in 40 Jahren DDR tatsächlich geflogen wurden ist nicht bekannt. Eine Anfrage im Juli 1990 an das Ministerium für Abrüstung und Verteidigung (MfAV) der DDR, das Ministerium für Gesundheitswesen (MfGe) der DDR und die Interflug ergab keine komplette Klärung, da diese vor dem Mauerfall Verlegungstransporte und Katastropheneinsätze mit Hubschraubern nicht durchgängig dokumentiert hatten und somit auch keine vollständige Einsatzstatistik angefertigt werden konnte. Ein Mitarbeiter der Interflug berichtete anlässlich der „ILA 90“ von jährlich vier bis zehn mit Hubschraubern durchgeführten Ambulanzflügen, wobei in einem Zeitraum von ca. elf Jahren 49 Verlegungen durch die Interflug und zehn Transporte durch die Luftstreitkräfte der NVA durchgeführt worden seien. Fasst man die Aussagen mehrerer Zeitzeugen zusammen, dann könnten maximal bis zu dreihundert Patienten in vier Jahrzehnten auf dem Luftweg mit Hubschraubern transportiert worden sein. Verlegungsflüge mit Hubschraubern in oder aus osteuropäischen Nachbarstaaten, wie nach Polen und in die ehemalige Tschechoslowakische Sozialistische Republik (?SR), haben wohl überhaupt nicht stattgefunden. Allerdings hat die Interflug Repatriierungsflüge, also Auslandsrückholungen, mit Flugzeugen aus dem Ausland durchgeführt. So sind im Auftrag humanitärer Organisationen und des DRK der DDR jährlich 190 Patienten aus Krisengebieten sowie 70 erkrankte oder verletzte DDR-Bürger pro Jahr durch Verkehrsflugzeuge der Interflug zurückgeholt worden. Demnach sind zwischen 1979 und 1990 insgesamt 3.115 Patienten durch Verkehrsflugzeuge der Interflug transportiert worden.

Militärische Luftrettung in der DDR

Militärische Rettungseinsätze wurden in der DDR militärische Rettungshandlungen genannt, in deren Rahmen die fliegenden Einheiten (korrekt als Luftstreitkräfte [LSK]) bezeichnet, der NVA und die Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) im Ereignisfall ihre Hubschrauber meist zur Hilfe im militärischen Bereich und zur Seenotrettung sowie bei Luftnotfällen einsetzen konnten. Wenn überhaupt waren die Militärmaschinen nur selten und dann auch nur mit einer spartanischen medizinischen Zusatzausrüstung (Krankentragen, geringes Sanitätsmaterial) versehen. Darüber hinaus konnte die Mil Mi-8TB der NVA zum ausschließlich militärischen Verwundetentransport, also für den Einsatz als Sanitätshubschrauber, mit zwölf Krankentragen eingerüstet sowie Militärärzte und Sanitäter aufgenommen werden.

Bereits lange vor dem Beitritt der DDR zur International Convention on Maritime Search and Rescue (SAR), dem Internationalen Übereinkommen zur Seenotrettung, am 22. April 1985, verfügte diese über einen dem Seefahrtsamt der DDR unterstehenden Seenotrettungsdienst mit zwei Seenotrettungskreuzern und Booten verschiedener Typen, der nach der Wiedervereinigung, am 3. Oktober 1990, in die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) eingegliedert wurde. Eine Unterstützung bei Seenotfällen konnte durch Hubschrauber des Marinehubschraubergeschwaders 18 (MHG-18), wie zum Beispiel die Mil Mi-14BT (Marine-Version der Mil Mi-8) vom Standort Parow bei Stralsund erfolgen, wie dies auch heute durch die SAR-Hubschrauber der Bundeswehr der Fall ist. Der International Civil Aviation Organization (ICAO), die einen Such- und Rettungsdienst (Search and Rescue – SAR) für Luftnotfälle in der Zivilluftfahrt vorsieht, ist die DDR ohnehin erst nach dem politischen Umbruch am 2. Mai 1990 beigetreten. Die Strukturen der NVA für die militärische Luftrettung waren mit denen der damaligen Bundesrepublik jedoch nicht wirklich vergleichbar, da Organisation und Struktur sowie Vorhaltung und Abläufe völlig anders ausgestaltet waren. Auch war die Kennzeichnung „SAR“ auf Luftfahrzeugen vor 1990 in der DDR nicht existent.

Mit dem Fall der Mauer und damit des „Eisernen Vorhangs“, am 9. November 1989 wurde auch sehr rasch mit der Planung und dem Aufbau einer flächendeckenden zivilen Luftrettung in der DDR begonnen, über die wir im Teil 2 der dreiteiligen Reportage ausführlich berichten werden.

Anmerkungen

Wegen des Fotografierverbotes in der DDR existieren leider nur sehr wenige Aufnahmen von Einsätzen aus der Vorwendezeit, so dass wir leider kein Foto aus dieser Zeit zeigen können. Wer Fotos aus der Zeit von 1949 bis 1989 hat und uns diese kostenfrei zur Verfügung stellen möchte, kann sich vertrauensvoll an folgende Adresse wenden: harald.rieger@rth.info.

Zur Vertiefung der Kenntnisse über die SMH sei auf das Standardwerk “Handbuch der schnellen medizinischen Hilfe“ verwiesen. Das mit 91 Tabellen versehene Fachbuch wurde von Hartmut Handschak und Friedemann Weber herausgegeben und erschien 1990, also in der so genannten “Wendezeit“, im Ostberliner Verlag Volk und Gesundheit.

Autor(en)
Holger Scholl

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Über rth.info und unser Themenspektrum

Wir vom Nachrichtenmagazin rth.info berichten ehrenamtlich über Rettungshubschrauber, also notfallmedizinisch ausgerüstete und besetzte Helikopter, die im Rettungsdienst eingesetzt werden. Hubschrauber sind wertvoll als Rettungsmittel, da sie schnell, wendig und unabhängig vom Straßennetz sind. Ebenso dienen sie zum eiligen Transfer von Intensivpatienten zwischen Kliniken.

Für die Luftrettung besteht ein dichtes Standortnetz – sowohl von Rettungshubschraubern, als auch von Intensivtransport-Hubschraubern für den Interhospitaltransfer (siehe unsere Standortkarte). Die Standorte werden von staatlichen und nichtstaatlichen Betreibern unterhalten. Die ADAC Luftrettung stellt die meisten zivilen Rettungshubschrauber in Deutschland. Die DRF Luftrettung betreibt auch besonders viele Luftrettungszentren in Deutschland. Ihr Vorgänger war die Deutsche Rettungsflugwacht e.V. – bis zum Wechsel von Name und Rechtsform (2008). Weitere wichtige Betreiber, darunter das Bundesministerium des Innern mit seinen Zivilschutzhubschraubern, stellen wir hier vor.

Hubschrauber ergänzen den Rettungsdienst am Boden in medizinischen Notlagen. Sie sollen nicht den Bodenrettungsdienst ersetzen, da Rettungshubschrauber nicht allwetterfähig sind. Luftretter unterscheiden mehrere Einsatzarten. Die wichtigsten sind primäre Notfalleinsätze an einem Einsatzort und sekundäre Patiententransporte von einer Klinik zur anderen. In der Luftrettung kommt komplexe notfallmedizinische Technik zum Einsatz, die u.a. Anaesthesie, Chirurgie, Innere Medizin und Pädiatrie abdeckt.

"Helicopter Emergency Medical Services", kurz HEMS, ist die englische Bezeichnung für Luftrettungsdienst. Der Assistent des Notarztes wird daher als HEMS TC bzw. HEMS Crew Member bezeichnet. Zahlreiche Piloten verdienen in der Luftrettung ihren Lebensunterhalt – für viele Fans ein Traumberuf. Die Betreiber setzen viele Flugstunden und Erfahrung voraus.

Der aktuell bedeutsamste europäische Hubschrauberhersteller ist Airbus Helicopters mit seinen Baumustern H135, H145, und weiteren. Der US-amerikanische Hubschrauberhersteller Bell hat mit den Baumustern Bell 212, Bell 222, Bell 412, die Luftrettung mit geprägt, aber seit ca. 2010 Marktanteile an Airbus Helicopters verloren. Beschreibungen weiterer Hubschrauber-Hersteller finden Sie in unseren Typentexten.

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