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Steht das ITH-System der Johanniter Luftrettung vor dem Aus?

03.12.2019

Gießen (HES) ::  “Bad news are good news“ – was für den Journalisten ein wichtiges Selektionskriterium ist, um über etwas zu berichten, ist für die Betroffenen selten positiv. Aber schaut man sich die Nachrichtenlage (print wie online) an, dann überwiegen zurzeit eher die schlechten Nachrichten als die guten. Das gilt aktuell insbesondere für die Johanniter Luftrettung (JLR) und deren Luftrettungszentren. rth.info wirft einen kritischen Blick auf die einzelnen Stationen.

Johanniter Luftrettung in Rheinland-Pfalz unter Druck

Beginnen wollen wir im Südwesten der Republik. Im rheinland-pfälzischen Sembach (Landkreis Kaiserslautern) musste die JLR bekanntlich den Betrieb ihres erst am 22.10.2018 in Betrieb genommenen Intensivtransporthubschraubers (ITH) “Air Rescue Pfalz“ zum 02.09.2019 einstellen (rth.info berichtete mehrfach), weil die ADAC Luftrettung eine vom Innenministerium Rheinland-Pfalz kurzfristig anberaumte Ausschreibung zur Vergabe einer Interims-Dienstleistungskonzession zum Betrieb eines Dual-Use-Rettungshubschraubers gewonnen hatte. Auf Betreiben der Landesregierung stationierte der ADAC schon vor der offiziellen Bekanntgabe des Verhandlungsergebnisses seinen Rettungshubschrauber “Christoph 66“ in Eßweiler (Kreis Kusel) am 02.09.2019.

Abrupt endete am 2. September 2019 das zehnmonatige Engagement der Johanniter Luftrettung in der Westpfalz

Abrupt endete am 2. September 2019 das zehnmonatige Engagement der Johanniter Luftrettung in der Westpfalz

Foto: Jörn Fries

Auch am Nürburgring schrillen zurzeit alle Alarmglocken. Mitte Oktober legte die rheinland-pfälzische Landesregierung einen Entwurf für ein neues Rettungsdienstgesetz (RettDG) vor. Dieses sollte bereits zum 01.01.2020 in Kraft treten, was einen Parforceritt durch das Landesparlament erforderlich gemacht hätte. Neben vielen wichtigen Änderungen, die den bodengebundenen Rettungs- und Notarztdienst betreffen, sah der Entwurf auch vor, dass künftig alle luftgebundenen Patiententransporte einer Genehmigung durch das Innenministerium bedürfe. Ohne Genehmigung ist ein Weiterbetrieb nicht möglich, so steht es im neuen Paragraphen 27 des RettDG RLP. Unmittelbare Folge? Die JLR, die seit dem 02.05.2016 ihren Standort Adenau (Kreis Ahrweiler) außerhalb des Wirkungsbereiches des aktuellen RettDG betreibt und deshalb hierfür auch keiner Genehmigung durch das Mainzer Innenministerium bedurfte (rth.info berichtete), hätte zum 31.12.2019 ihren ITH-Betrieb am Nürburgring einstellen müssen, da ihr – alleine schon aus Zeitgründen – bis zu diesem Zeitpunkt keine Genehmigung erteilt worden wäre. Nach der ersten Beratung im Mainzer Landtag Ende Oktober wurde der Entwurf des RettDG allerdings an die Ausschüsse, unter anderem an den Innen-, den Sozial- und den Rechtsausschuss, verwiesen, so dass das Gesetz nicht, wie vom Mainzer Kabinett gewünscht, bereits zum 01.01.2020 in Kraft treten kann. Noch im Dezember sollen in den Ausschüssen erst einmal Experten zum Thema gehört werden. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben!

Angesichts eines erst Ende September durch eine Kleine Anfrage bekannt gewordenen massiven Notärztemangels im ländlichen Raum von Eifel und Hunsrück und der gerade an Mosel, Lahn und Mittelrhein stattfindenden Schließungswelle von kleineren Krankenhäusern dürfte der Rückzug des notarztbesetzten ITHs der Johanniter zu einer weiteren Verschlechterung der notärztlichen Versorgung in den genannten Gebieten beitragen. Aktuell steht das Aus auch des NEF-Standorts am St. Josef Krankenhaus in Adenau zum 01.01.2020 zur Debatte. Die Marienhaus-Gruppe, die auch mit der JLR einen Vertrag hat, sieht sich derzeit außerstande, den bodengebundenen Notarztdienst aufrecht zu halten, da ihr die Kosten weglaufen. Zum 31.12.2019 schließt sie die Abteilung Chirurgie, auch die Anästhesie soll auf der Kippe stehen, wie aktuell mehrere Medien berichten (siehe Weblinks im Kontextbereich dieser News).

Mit Inkrafttreten des neuen rheinland-pfälzischen Rettungsdienstgesetzes im kommenden Jahr könnte das Aus für den JLR-Standort Adenau kommen (die Archivaufnahme zeigt den “Air Rescue Nürburgring“ im Juli 2017  noch am Medical Center)

Mit Inkrafttreten des neuen rheinland-pfälzischen Rettungsdienstgesetzes im kommenden Jahr könnte das Aus für den JLR-Standort Adenau kommen (die Archivaufnahme zeigt den “Air Rescue Nürburgring“ im Juli 2017 noch am Medical Center)

Foto: Jörn Fries

Finanzprobleme in Nordrhein-Westfalen und Ausschreibung in Mecklenburg-Vorpommern

Auch im Westen der Republik steht es momentan schlecht um die JLR. Der seit 01.04.2016 am Flugplatz Marl-Loemühle stationierte ITH “Akkon Bochum 89-1“ fliegt seit mehreren Monaten nicht mehr rund um die Uhr, sondern nur noch von 9 bis 21 Uhr. Das führt im Winterhalbjahr zwar zu mehr Primäreinsätzen in der fliegerischen Nacht, da die anderen Rettungshubschrauber ja nur am fliegerischen Tag eingesetzt werden, allerdings weigern sich einige Krankenkassen seit Monaten, die subsidiären Primäreinsätze der JLR zu vergüten. Hier sind bereits Außenstände im siebenstelligen Bereich aufgelaufen, wie JLR-CEO Günther Lohre gegenüber rth.info bestätigte.

Bis vor Kurzem flog in Marl-Loemühle noch die D-HJLR von Rotorflug als “Akkon Bochum 89-1“ – im November übernahm HeliFlight den Flugbetrieb

Bis vor Kurzem flog in Marl-Loemühle noch die D-HJLR von Rotorflug als “Akkon Bochum 89-1“ – im November übernahm HeliFlight den Flugbetrieb

Foto: Jörn Fries

Nachdem die Rotorflug GmbH in der Vergangenheit aufgrund von Maschinenausfällen auf Fremdmaschinen zurückgreifen muste, kündigte die JLR bereits im Sommer 2019 den langjährigen Kooperationsvertrag mit ihrem Partner Rotorflug zum 31.12.2019. Daraufhin hat Rotorflug mit Datum vom 24.10.2019 ein gerichtliches Sanierungsverfahren in Eigenverwaltung beantragt. Die Einsatzmaschine aus Marl wurde im November nach Rostock verlegt, und die JLR beauftragte den Operator Heli-Flight mit der Gestellung der Einsatzmaschinen für Marl.

Rotorflug dürfte sich nach Beendigung der Kooperation mit der JLR komplett aus der Luftrettung zurückziehen, denn auch am Standort Rostock stehen Veränderungen an. Nach der Kündigung durch die JLR soll ab dem 01.01.2020 auch dort Heli-Flight fliegen. Die drei Maschinen vom Typ AS 365 N2 von Rotorflug stehen zum Verkauf. Für die Rotorflug GmbH wird derzeit an einem Sanierungskonzept gearbeitet, welches einen Weiterbetrieb des Unternehmens ohne den Luftrettungsbereich zum Ziel hat.

Zum 1. Januar 2020 geht der Flugbetrieb in Rostock von Rotorflug an HeliFlight (die Aufnahme zeigt die D-HAMV im Juli 2019 bei der Landung am Johanniter-Luftrettungszentrum Rotock)

Zum 1. Januar 2020 geht der Flugbetrieb in Rostock von Rotorflug an HeliFlight (die Aufnahme zeigt die D-HAMV im Juli 2019 bei der Landung am Johanniter-Luftrettungszentrum Rotock)

Foto: Jörn Fries

Voller Stolz präsentierte CEO Günther Lohre Anfang Oktober das neuen Aushängeschild der Johanniter Luftrettung: die erste EC 155 B1 (H155) im bundesdeutschen Luftrettungsdienst. Eine weitere Maschine sei bestellt, hieß es von den Johannitern auf Anfrage von rth.info. Das wäre auch dringend notwendig, schrieb das Land Mecklenburg-Vorpommern doch kürzlich den Betrieb eines ITH im Raum Rostock ab dem 01.04.2020 aus (rth.info berichtete) und forderte eine EC 155 B (H155) als künftige Einsatzmaschine. Doch es kam auch hier anders als von den Verantwortlichen geplant und wohl auch erhofft: Das zuständige Ministerium für Arbeit, Wirtschaft und Soziales änderte im November plötzlich die Anforderungen: Statt der geforderten EC 155 B (H155) wird nun eine “H145 (H145B)“ gefordert – so steht es in der Änderungsmitteilung vom 13. bzw. 25.11.2019 (siehe Weblink im Kontextbereich dieser News). Auch hat das ausschreibende Landesministerium das Bewertungsschema plötzlich geändert und der Abgabetermin vom 02.12.2019 um zwei Wochen auf den 16.12.2019 verschoben.

Im Sommer 2019 stellte die Johanniter Luftrettung mit der D-HFLG die erste EC 155 B1 im bundesdeutschen Luftrettungsdienst vor

Im Sommer 2019 stellte die Johanniter Luftrettung mit der D-HFLG die erste EC 155 B1 im bundesdeutschen Luftrettungsdienst vor

Foto: Jörn Fries

Hier stellt sich schon die Frage, ob Mitbewerber interveniert haben oder ob das Ganze nur ein lässlicher Fehler der ausschreibenden Stelle war? Interessant in diesem Zusammenhang der Hinweis, dass es eine H145B nicht gibt, wie nun plötzlich gefordert. Auch die fünfblättrige, allerdings noch nicht zugelassene H145 wird bislang von Airbus Helicopters so nicht bezeichnet.

2023 wird auch der luftgebundene Intensivtransport in Hessen ausgeschrieben

Auch der Betrieb des so genannten Intensivtransportsystems der JLR am Doppelstandort Gießen/Reichelsheim (Wetterau) ist mittelfristig nicht gesichert. Nach Informationen, die rth.info vorliegen, dürfte der ITH-Betrieb in Hessen im Jahr 2023 ausgeschrieben werden. Harte Zeiten für CEO Günther Lohre, seine Mitarbeitenden und die Partner der JLR!

“Christoph Gießen“ steht am Johanniter-Luftrettungszentrum Gießen und wartet auf seinen nächsten Einsatz

“Christoph Gießen“ steht am Johanniter-Luftrettungszentrum Gießen und wartet auf seinen nächsten Einsatz

Foto: Jörn Fries

“Christoph Mittelhessen“ startet am Flugplatz Reichelsheim (Wetterau) zu einem Einsatz

“Christoph Mittelhessen“ startet am Flugplatz Reichelsheim (Wetterau) zu einem Einsatz

Foto: Jörn Fries

Allerdings müssen sich Politik und Kostenträger die Frage gefallen lassen, ob sie die sich anbahnende Konzentration auf dann nur noch zwei Leistungserbringer, ADAC Luftrettung und DRF Luftrettung, im luftgebundenen Interhospitaltransfer und Intensivtransport wirklich wollen. Denn die JLR ist zurzeit die einzige Luftrettungsorganisation in Deutschland, die mit ihren “ITH plus“ vom Typ AS 365 N2/N3 und EC 155 B1 Spezialtransporte durchführen können, bei denen die vom ADAC und der DRF eingesetzten Hubschraubertypen H135 und H145 an ihre Leistungsgrenzen stoßen.

ECMO- und Adipositas-Patienten sowie schwerstkranke und schwerstverletzte Notfallpatienten werden in Zukunft vermehrt luftgebunden zu transportieren sein. Die Schließung von kleineren Krankenhäusern und die Etablierung weiterer Klinikverbünde mit Vor-Ort-Spezialisierung lassen die Entfernungen zu geeigneten Kliniken immer größer werden. Der Transport dieser (Notfall-)Patienten muss uneingeschränkt gewährleistet sein, und die Durchführenden müssen finanziell auf sicheren Beinen stehen. Das ist momentan nicht der Fall! Schwerlast-RTW und Intensivtransportwagen (ITW) stehen als Alternativen auch nur begrenzt zur Verfügung und haben zudem den Nachteil, dass sie kritisch-kranke Patienten nicht immer zeitnah in Kliniken der Maximal- und Schwerpunktversorgung transportieren können. “Time is brain!“ und “Gegen die Zeit und für das Leben!“ sind nur zwei Mottos, die den wichtigen Faktor Zeit in den Mittelpunkt rücken.

Die JLR hat in den vergangenen Jahren ein Parallelsystem zum öffentlich-rechtlichen Luftrettungssystem aufgebaut, das sicherlich vielen kritisch-kranken Patienten und auch Notfallpatienten zu gute gekommen ist, aber sie scheint nun den Preis ihres manchmal doch recht unkonventionellen Engagements zu zahlen. Politik, Krankenkassen und auch die Krankenhäuser haben sich zwar an den Mehrwert, der durch die JLR generiert wurde, gewöhnt, aber scheinen nicht bereit zu sein, diesen Mehrwert auch entsprechend zu entlohnen.

Wie geht es nun weiter? Hier dürften die nächsten Monate entscheidend sein, zumal die für den Rettungsdienst zuständigen Bundesländer und auch der Bund radikale Änderungen in der Notfallversorgung der Bevölkerung anstreben. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn möchte sein Ministerium zur Zentralstelle für das gesamte Gesundheitswesen machen und macht den Ländern deren Zuständigkeiten streitig. Eine engere Verzahnung von ambulanter und stationärer Notfallversorgung ist durchaus sinnvoll, aber darf nicht zu Lasten des öffentlich-rechtlichen Rettungsdienstes gehen – egal ob boden- oder luftgebunden!

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Autor(en)
Jörn Fries

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Über rth.info und unser Themenspektrum

Wir vom Nachrichtenmagazin rth.info berichten ehrenamtlich über Rettungshubschrauber, also notfallmedizinisch ausgerüstete und besetzte Helikopter, die im Rettungsdienst eingesetzt werden. Hubschrauber sind wertvoll als Rettungsmittel, da sie schnell, wendig und unabhängig vom Straßennetz sind. Ebenso dienen sie zum eiligen Transfer von Intensivpatienten zwischen Kliniken.

Für die Luftrettung besteht ein dichtes Standortnetz – sowohl von Rettungshubschraubern, als auch von Intensivtransport-Hubschraubern für den Interhospitaltransfer (siehe unsere Standortkarte). Die Standorte werden von staatlichen und nichtstaatlichen Betreibern unterhalten. Die ADAC Luftrettung stellt die meisten zivilen Rettungshubschrauber in Deutschland. Die DRF Luftrettung betreibt auch besonders viele Luftrettungszentren in Deutschland. Ihr Vorgänger war die Deutsche Rettungsflugwacht e.V. – bis zum Wechsel von Name und Rechtsform (2008). Weitere wichtige Betreiber, darunter das Bundesministerium des Innern mit seinen Zivilschutzhubschraubern, stellen wir hier vor.

Hubschrauber ergänzen den Rettungsdienst am Boden in medizinischen Notlagen. Sie sollen nicht den Bodenrettungsdienst ersetzen, da Rettungshubschrauber nicht allwetterfähig sind. Luftretter unterscheiden mehrere Einsatzarten. Die wichtigsten sind primäre Notfalleinsätze an einem Einsatzort und sekundäre Patiententransporte von einer Klinik zur anderen. In der Luftrettung kommt komplexe notfallmedizinische Technik zum Einsatz, die u.a. Anaesthesie, Chirurgie, Innere Medizin und Pädiatrie abdeckt.

"Helicopter Emergency Medical Services", kurz HEMS, ist die englische Bezeichnung für Luftrettungsdienst. Der Assistent des Notarztes wird daher als HEMS TC bzw. HEMS Crew Member bezeichnet. Zahlreiche Piloten verdienen in der Luftrettung ihren Lebensunterhalt – für viele Fans ein Traumberuf. Die Betreiber setzen viele Flugstunden und Erfahrung voraus.

Der aktuell bedeutsamste europäische Hubschrauberhersteller ist Airbus Helicopters mit seinen Baumustern H135, H145, und weiteren. Der US-amerikanische Hubschrauberhersteller Bell hat mit den Baumustern Bell 212, Bell 222, Bell 412, die Luftrettung mit geprägt, aber seit ca. 2010 Marktanteile an Airbus Helicopters verloren. Beschreibungen weiterer Hubschrauber-Hersteller finden Sie in unseren Typentexten.

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