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Bayern rüstet Polizeihubschrauber für Wasser- und Eisrettung auf

24.01.2019

Roth / Bamberg (BAY) ::  Im Rahmen einer großangelegten Übung am 17. Januar am Rothsee/Mittelfranken stellte Polizeioberrat Thomas Renner, stellvertretender Leiter der Polizeihubschrauberstaffel Bayern (PHuStBy), ein neues Hilfs- und Einsatzmittel für die Wasser- und Eisrettung, den so genannten „Rescue Seat“, vor. Unterstützt wurde Renner bei der Übung von einer Hubschrauberbesatzung der Außenstelle Roth, der DLRG Mittelfranken-Süd und der Wasserwacht-Ortsgruppe Hiltpoltstein. Den Link zum Video aus dem dpa-Kanal finden Sie im Kontextbereich dieser News.

Operator beim Einsatz der Rettungswinde mit dem “Rescue Seat“

Operator beim Einsatz der Rettungswinde mit dem “Rescue Seat“

Foto: Bayerische Polizei

Wasser- und Eisrettung von Verunglückten erfolgt in der Regel durch eingeübte, standardisierte Verfahren mit Wasserrettern, beispielsweise der DLRG, der Wasserwacht oder der Feuerwehr. Allerdigs sind Rettungseinsätze im Wasser und im Eis aufgrund der lebensbedrohlichen Situation der Verunglückten äußerst zeitkritisch, weshalb in den meisten Fällen keine Zeit für die Abholung und den Transport eines Wasserretters zum Unglücksort bleibt. Dann kommt das Rettungsmittel Hubschrauber unmittelbar am Notfallort zum Einsatz. Ab sofort kann dabei auf ein spezielles Eis- und Wasserrettungsmittel zurückgegriffen werden, den so genannten “Rescue Seat“. Diese Spezialkonstruktion wird ab sofort in allen acht Polizeihubschraubern des Musters H135 der Bayerischen Polizei mitgeführt.

Polizeioberrat Thomas Renner erklärte das Wasser.- und Eisrettungssystem “Rescue Seat“

Polizeioberrat Thomas Renner erklärte das Wasser.- und Eisrettungssystem “Rescue Seat“

Foto: Bayerische Polizei

Das am Windensystem des Polizeihubschraubers eingehängte Rettungsmittel hat ein Eigengewicht von rund neun Kilogramm und kann bis zu drei Personen mit einem Zug aus dem Gefahrenbereich bringen. Die Bedienung des „Rescue Seat“ erfolgt durch die Crew direkt aus dem Hubschrauber mit Hilfe der Rettungswinde oder eines Rettungsseils. Die Benutzung dieses “Rettungssitzes“ durch einen noch handlungsfähigen Verunglückten ist dabei so einfach, dass sich dieser selbstständig und ohne fremde Hilfe auf einfachste Art und Weise am „Rescue Seat“ festhalten kann. So kann die Bergung aus dem unmittelbaren Gefahrenbereich durchgeführt und der Verunglückte den Rettungsdiensten zur weiteren medizinischen Versorgung übergeben werden. Auftriebskörper verhindern beim Rettungsvorgang das Untergehen des „Rescue Seat“.

Reiner Hertel von der Wasserwacht-Ortsgruppe Hiltpoltstein spielte bei der Übung den “Geretteten“

Reiner Hertel von der Wasserwacht-Ortsgruppe Hiltpoltstein spielte bei der Übung den “Geretteten“

Foto: Bayerische Polizei

Die PHuStBy besteht aus einer Flotte von acht Hubschraubern des Typs H135 (vormals von Airbus unter der Bezeichnung EC 135 P3 vermarktet) und ist eine Dienststelle der Bayerischen Bereitschaftspolizei. Rund 120 Beamte und Angestellte halten den Dienstbetrieb der Hubschrauberstaffel im Flughafen München und in der Außenstelle in Roth aufrecht. Im Jahr 2018 wurden die Besatzungen bei nahezu 3.000 Einsätzen eingesetzt, davon knapp 1.000 Nachteinsätze, nahezu 100 Bergeinsätze und über 80 Unfälle auf dem Wasser.

Chronik der PHuStBy

Die Polizeihubschrauberstaffel Bayern wurde im Oktober 1970 gegründet. In der Anfangszeit erledigte die Dienststelle mit einem vom Bundesgrenzschutz gecharterten Hubschrauber die anfallenden Einsätze. 1971 wurden die ersten beiden BO 105 in den Dienst des Freistaates Bayern gestellt und die eigene Dienststelle in Neubiberg gegründet. Bis 1987 wurde der Bestand der Flotte wegen der Zunahme der Einsatzzahlen von Jahr zu Jahr auf insgesamt sieben Hubschrauber des Typs BO 105 und vier des Typs BK 117 erhöht. Im Oktober 1998 zog die Dienststelle auf den neuen Großflughafen München um. Fast zeitgleich begann man, die altgedienten Hubschrauber gegen eine neue Flotte, bestehend aus Hubschraubern des Typs EC 135, auszutauschen, seit 2010 wird die zweite Flotte des Typs H135 (seinerzeit noch als EC 135 P3 bezeichnet), einem der modernsten der Welt in der Klasse bis 3 t eingesetzt. Um die Anflugwege in den nordbayerischen Raum zu verkürzen, wurde 1974 eine Außenstelle der PHuStBy auf dem Fliegerhorst in der Otto-Lilienthal-Kaserne bei Roth gegründet.

Seit 1974 existiert eine Außenstelle der PHuStBy auf dem Fliegerhorst in der Otto-Lilienthal-Kaserne bei Roth (das Wappen der PHuStBy befindet sich ganz links)

Seit 1974 existiert eine Außenstelle der PHuStBy auf dem Fliegerhorst in der Otto-Lilienthal-Kaserne bei Roth (das Wappen der PHuStBy befindet sich ganz links)

Foto: Jörn Fries

Das Einsatzspektrum der bayerischen Polizeihubschrauber umfasst:

  • Fahndungen nach Personen und Sachen, hauptsächlich nach verübten Kapitaldelikten
  • Vermisstensuche (Kinder, verwirrte Personen, suizidgefährdete Personen, Wanderer ...)
  • Nachteinsätze mit modernster Technologie (Restlichtverstärkerbrille/Wärmebildkamera) zur Bekämpfung der Gewaltkriminalität und Suche nach Vermissten
  • Nachteinsätze mit modernster Technologie (Restlichtverstärkerbrille/Wärmebildkamera) zur Bekämpfung der Gewaltkriminalität und Suche nach Vermissten
  • Beweissicherung durch Luftbilder oder Videoaufnahmen von schweren Unfällen, Tatorten bzw. großen Schadensereignissen
  • Katastropheneinsätze (z. B. Mai 1999: Jahrhunderthochwasser in Bayern)
  • Aufklärung bei Demonstrationen und Großveranstaltungen mit Live-Bildübertragung in den Führungsstab
  • Feststellung und Verfolgung von Umweltstraftaten (z. B. größere Gewässerverunreinigungen)
  • Verletztentransporte, sofern der Rettungsdienst nicht schnell genug verfügbar ist
  • Notarztzubringer, sofern der Rettungsdienst nicht schnell genug verfügbar ist
  • Transport von Spezialeinheiten zu Einsatzorten
  • Unterstützung der Feuerwehr durch Löscheinsätze in unwegsamem Gelände bzw. Brandherdlokalisierung mit der Wärmebildkamera
  • Lawineneinsätze (Transport von Suchkräften und Suchhunden, Suche nach Verschütteten, Verletztenbergungen)
  • Objekt- und Personenschutzflüge, Transport von gefährdeten Personen

Zur Ausstattung der Polizeihubschrauber gehören deshalb neben einer vom Flugtechniker zu bedienenden Rettungswinde mit einer Traglast von 230 Kilogramm und einer Seillänge von 50 Metern, einem fünfzehn Meter langen Rettungsseil zur Rettung von im Eis eingebrochenen Personen sowie dem neuen “Rescue Seat“ zur Wasser- und Eisrettung eine sogenannte Bildverstärkerbrille (BIV/NVG), eine Video- und Wärmebildkamera (FLIR), ein Suchscheinwerfer, eine moderne GPS-Satellitennavigation (Global positioning system) in Verbindung mit einer Moving Map, ein Feuerlöschbehälter, ein Notfallrucksack mit allen gebräuchlichen Medikamenten und Notarztinstrumenten, eine zusammenklappbare Krankentrage, eine Mittelformat-Luftbildkamera, eine Tageslichtvideokamera und ein SEK-Abseilgerät als schnelle Zugriffsmöglichkeit für Spezialkräfte.

Autor(en)
Jörn Fries (mit Material der Bayerischen Bereitschaftspolizei)
Wir danken für Unterstützung:
Herbert Gröschel vom Präsidium der Bayerischen Bereitschaftspolizei in Bamberg
Quelle(n):
Pressemitteilung “Bayerns Polizeihubschrauber ab sofort mit neuem Einsatzmittel für Wasser- und Eisrettung ausgestattet; Rescue Seat“ der Bayerischen Bereitschaftspolizei vom 18.01.2019

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Über rth.info und unser Themenspektrum

Wir vom Nachrichtenmagazin rth.info berichten ehrenamtlich über Rettungshubschrauber, also notfallmedizinisch ausgerüstete und besetzte Helikopter, die im Rettungsdienst eingesetzt werden. Hubschrauber sind wertvoll als Rettungsmittel, da sie schnell, wendig und unabhängig vom Straßennetz sind. Ebenso dienen sie zum eiligen Transfer von Intensivpatienten zwischen Kliniken.

Für die Luftrettung besteht ein dichtes Standortnetz – sowohl von Rettungshubschraubern, als auch von Intensivtransport-Hubschraubern für den Interhospitaltransfer (siehe unsere Standortkarte). Die Standorte werden von staatlichen und nichtstaatlichen Betreibern unterhalten. Die ADAC Luftrettung stellt die meisten zivilen Rettungshubschrauber in Deutschland. Die DRF Luftrettung betreibt auch besonders viele Luftrettungszentren in Deutschland. Ihr Vorgänger war die Deutsche Rettungsflugwacht e.V. – bis zum Wechsel von Name und Rechtsform (2008). Weitere wichtige Betreiber, darunter das Bundesministerium des Innern mit seinen Zivilschutzhubschraubern, stellen wir hier vor.

Hubschrauber ergänzen den Rettungsdienst am Boden in medizinischen Notlagen. Sie sollen nicht den Bodenrettungsdienst ersetzen, da Rettungshubschrauber nicht allwetterfähig sind. Luftretter unterscheiden mehrere Einsatzarten. Die wichtigsten sind primäre Notfalleinsätze an einem Einsatzort und sekundäre Patiententransporte von einer Klinik zur anderen. In der Luftrettung kommt komplexe notfallmedizinische Technik zum Einsatz, die u.a. Anaesthesie, Chirurgie, Innere Medizin und Pädiatrie abdeckt.

"Helicopter Emergency Medical Services", kurz HEMS, ist die englische Bezeichnung für Luftrettungsdienst. Der Assistent des Notarztes wird daher als HEMS TC bzw. HEMS Crew Member bezeichnet. Zahlreiche Piloten verdienen in der Luftrettung ihren Lebensunterhalt – für viele Fans ein Traumberuf. Die Betreiber setzen viele Flugstunden und Erfahrung voraus.

Der aktuell bedeutsamste europäische Hubschrauberhersteller ist Airbus Helicopters mit seinen Baumustern H135, H145, und weiteren. Der US-amerikanische Hubschrauberhersteller Bell hat mit den Baumustern Bell 212, Bell 222, Bell 412, die Luftrettung mit geprägt, aber seit ca. 2010 Marktanteile an Airbus Helicopters verloren. Beschreibungen weiterer Hubschrauber-Hersteller finden Sie in unseren Typentexten.

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