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map & guide geht in die Luft

08.08.2003

Straßensuche aus der Luft... (k)ein Problem?!

Der Rettungshubschrauber (RTH) Christoph 7 in Kassel navigiert seit neuestem mit einem einzigartigen EDV-gestützten System auf Stadtplanebene bis zur Haustür des Patienten. In der Luftrettungsstation Christoph 7 hat man sich des Problems angenommen, womit sich alle Hubschrauberbesatzungen im primären Luftrettungseinsatz ständig befassen müssen: Ein medizinischer Notfall/Hausunfall innerhalb eines Hauses, bei dem noch kein bodengebundenes Rettungsmittel (Rettungswagen/Notarztwagen) vor Ort ist.

Die Schwierigkeit liegt nun darin, solange kein Rettungswagen über Funk ansprechbar ist, und somit der Notfallort aus der Luft optisch nicht erkannt werden kann, die Einsatzstelle aus dem Hubschrauber heraus zu lokalisieren.

Bisherige Probleme:

  • Das Kartenmaterial kann nicht immer für alle Orte im Einsatzgebiet auf dem aktuellen Stand gehalten werden.
  • Die große Sammlung an Stadtplänen schränkt den Rettungsassistenten in seinem Arbeitsbereich im Cockpit nicht unerheblich ein.
  • Während der Suche nach dem Zielort und dem Straßennahmen (an Hausnummern ist bei dieser Methode nicht zu denken) behindert die ausgebreitete Karte den Piloten in der Sicht und der Rettungsassistent kann seine eigentlichen Aufgaben wie Navigation, Funksprüche, Luftraumbeobachtung usw. nicht vollständig wahrnehmen.
  • Die Differenzierung vieler Straßen auf engem Raum ist schwierig und Fehler behaftet, wenn die eigene Position auf dem Stadtplan nicht exakt bestimmt werden kann.
  • Zur Lösung des navigatorischen Problems und zur Entlastung der Besatzung wurden diverse GPS-Systeme, angefangen mit verschiedenen GARMIN-Geräten bis hin zu GPS-gestützten PDA's, getestet.

Alle diese Systeme erwiesen sich als untauglich für die gestellte Aufgabe weil:

  • Display zu klein / schlecht ablesbar
  • Kartenmaterial zu ungenau
  • Displayaktualisierung zu träge
  • Eingabe des Ziels zu langwierig
  • Keine stabile GPS-Anzeige innerhalb des Rettungshubschraubers

Innovative Navigation

Im Frühjahr 2003 fand sich ein Kontakt zur Firma "NAICOM-Datentechnik", welche ein Navigationssystem, basierend auf einem Tablet-PC (LTP-600) der Firma Fujitsu-Siemens, zur Verfügung stellte, dass bis Juni 2003 im Einsatzflugbetrieb getestet wurde.

Als Navigationssoftware diente "map & guide 9.0". Diese Marktführende Software, im Bereich der Straßen-, Navigations- und Routenplanung musste nun speziell an die Bedürfnisse im Luftrettungsdienst angepasst werden.

Ein Programmierer der Firma arbeitete die diversen Wünsche der RTH-Besatzung in das Programm ein:

  • Direkte Kurslinie zum Ziel
  • Luftlinienentfernung
  • Angaben über: Geschwindigkeit über Grund, Kurs zum Ziel, Zeit zum Ziel, Kurs über Grund
  • Automatische Anpassung der Zoomstufen
Flugweg-Planung und Distanzberechnung

Flugweg-Planung und Distanzberechnung

Foto: Team Christoph 7

Anwendungsbeispiel

Auftrag: Notfalleinsatz, Patient mit Verdacht auf Herzinfarkt. Name: Müller, wohnhaft Kassel-Waldau, Forstbachweg 7.

Der Rettungsassistent nimmt diesen Auftrag von der alarmierenden Leitstelle entgegen und gibt die Adresse (Stadt-, Straßennamen und Hausnummer) in die Eingabemaske des Tablet-PC ein. Für diese Eingabe werden ca. 10 sec. benötigt. Währendessen startet der Pilot bereits die Triebwerke.

Danach steigen der Rettungsassistent und der Notarzt in den RTH ein und spätestens 2 min. nach der Alarmierung startet die Maschine mit direktem Kurs zum Einsatzort. Während des Fluges braucht der Rettungsassistent keine weiteren Eingaben zu tätigen. Bei Annäherung an das Ziel passt die Software den Kartenmaßstab automatisch, abhängig von der Entfernung, an. Somit ist die Besatzung von navigatorischen Aufgaben weitgehend entlastet und kann sich voll auf die sichere Flugdurchführung konzentrieren.

Ziel im Display

Ziel im Display

Foto: Team Christoph 7

Nach mehreren Monaten Entwicklungszeit und vielen, vielen Flugstunden hat die Crew von Christoph 7 ein bundesweit einmaliges Navigationssystem zur Verfügung, welches die Zeit bis zum Eintreffen des Notarztes an der Einsatzstelle um durchschnittlich 3 – 5 Minuten zu verkürzen hilft.

Abschließend noch eine Ansicht im Realmodus (angefertigt während einer Autofahrt im Stadtgebiet Karlsruhe). Hier sind die Angaben über eigene Position (roter Kreis), Bewegungsrichtung (roter Pfeil), Geschwindigkeit über Grund (GS), Entfernung (KM), Wahrer Kurs zum Ziel (TC) sowie Zeit bis zum Ziel (TTS) ablesbar. Die Angabe der tatsächlichen Bewegungsrichtung über Grund (TT) ist in der letzten Version ebenfalls eingearbeitet.

Ferner bietet das System die Möglichkeit folgende, für die sichere Flugdurchführung hilfreiche, Anwendungen zu betreiben:

Realmodus mit Anzeige der Eigenbewegung

Realmodus mit Anzeige der Eigenbewegung

Foto: Team Christoph 7

  • Moving-Map mit Flugsicherungsaufdruck auf den Kartenmaßstäben 1:200.000 und 1:500.00
  • Schwerpunktberechnungen
  • Darstellung und Aktualisierung (über IR-Schnittstelle und Handy) von GAFOR-Wetterberichten direkt auf der jeweiligen Karte
  • Automatisches Erstellen eines Flugdurchführungsplanes
  • und vieles mehr.

Das System hilft damit, die Flugdurchführung sicher zu machen, und die Zeit bis zum Eintreffen des Notarztes beim Patienten in vielen Fällen deutlich zu verkürzen, was nicht nur aus humanitären Gesichtspunkten, sondern auch im Hinblick auf den Erfolg der Rettungsmaßnahme und der zu erwartenden Genesung des Patient von unschätzbarem Wert ist.

Autor(en)
Peter Keim

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Über rth.info und unser Themenspektrum

Wir vom Nachrichtenmagazin rth.info berichten ehrenamtlich über Rettungshubschrauber, also notfallmedizinisch ausgerüstete und besetzte Helikopter, die im Rettungsdienst eingesetzt werden. Hubschrauber sind wertvoll als Rettungsmittel, da sie schnell, wendig und unabhängig vom Straßennetz sind. Ebenso dienen sie zum eiligen Transfer von Intensivpatienten zwischen Kliniken.

Für die Luftrettung besteht ein dichtes Standortnetz – sowohl von Rettungshubschraubern, als auch von Intensivtransport-Hubschraubern für den Interhospitaltransfer (siehe unsere Standortkarte). Die Standorte werden von staatlichen und nichtstaatlichen Betreibern unterhalten. Die ADAC Luftrettung stellt die meisten zivilen Rettungshubschrauber in Deutschland. Die DRF Luftrettung betreibt auch besonders viele Luftrettungszentren in Deutschland. Ihr Vorgänger war die Deutsche Rettungsflugwacht e.V. – bis zum Wechsel von Name und Rechtsform (2008). Weitere wichtige Betreiber, darunter das Bundesministerium des Innern mit seinen Zivilschutzhubschraubern, stellen wir hier vor.

Hubschrauber ergänzen den Rettungsdienst am Boden in medizinischen Notlagen. Sie sollen nicht den Bodenrettungsdienst ersetzen, da Rettungshubschrauber nicht allwetterfähig sind. Luftretter unterscheiden mehrere Einsatzarten. Die wichtigsten sind primäre Notfalleinsätze an einem Einsatzort und sekundäre Patiententransporte von einer Klinik zur anderen. In der Luftrettung kommt komplexe notfallmedizinische Technik zum Einsatz, die u.a. Anaesthesie, Chirurgie, Innere Medizin und Pädiatrie abdeckt.

"Helicopter Emergency Medical Services", kurz HEMS, ist die englische Bezeichnung für Luftrettungsdienst. Der Assistent des Notarztes wird daher als HEMS TC bzw. HEMS Crew Member bezeichnet. Zahlreiche Piloten verdienen in der Luftrettung ihren Lebensunterhalt – für viele Fans ein Traumberuf. Die Betreiber setzen viele Flugstunden und Erfahrung voraus.

Der aktuell bedeutsamste europäische Hubschrauberhersteller ist Airbus Helicopters mit seinen Baumustern H135, H145, und weiteren. Der US-amerikanische Hubschrauberhersteller Bell hat mit den Baumustern Bell 212, Bell 222, Bell 412, die Luftrettung mit geprägt, aber seit ca. 2010 Marktanteile an Airbus Helicopters verloren. Beschreibungen weiterer Hubschrauber-Hersteller finden Sie in unseren Typentexten.

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