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22 Jahre NEH “Heli Kessin“: Die "Fliegende Arzttasche" wird erwachsen

01.09.2017

“Schönwetterflieger“, “Rosinenpicker“, “Fliegende Arzttasche“ – was mussten sich die Verantwortlichen des privaten Rettungsdienstes Ambulanz Millich/Meermann 1995 nicht so alles anhören, als sie im Altkreis Bad Doberan (heute Landkreis Rostock) einen Notarzteinsatzhubschrauber (NEH) in Dienst stellten? ADAC Luftrettung und DRF Luftrettung intervenierten, konnten aber die Indienststellung des NEH und dessen Integration in den öffentlich-rechtlichen Rettungsdienst des nordwestmecklenburgischen Landkreises nicht verhindern. Selbst der Länderausschuss Rettungswesen bzw. dessen Untergruppe Luftrettung beschäftigte sich mit ihm und verweigerte ihm die Anerkennung als Luftrettungsmittel. Doch er ist längst den Kinderschuhen entwachsen und fliegt 22 Jahre nach seiner Indienststellung tagtäglich, von 7 Uhr bis Sonnenuntergang, seine oftmals lebensrettenden Einsätze.

Die Ostseeküste gehört auch zum Einzugsbereich des Kessiner NEH

Die Ostseeküste gehört auch zum Einzugsbereich des Kessiner NEH
Foto: HeliFlight

Den Autor erinnert das Ganze an die Anfänge der allgemeinen Hubschrauberfliegerei. Überliefert ist von Igor Iwanowitsch Sikorski (25.05.1889-26.10.1972), einem der Väter des modernen Helikopters, folgender Ausspruch: “Berechnungen haben ergeben, dass eine Hummel auf Grund des Verhältnisses zwischen Flügelfläche und Schlagfrequenz einerseits und ihrem Körpergewicht andererseits gar nicht fliegen kann. Die Hummel weiß jedoch nichts von diesen Berechnungen und fliegt wahrscheinlich irrtümlicherweise.“ Der NEH Kessin weiß wohl nicht, dass er eigentlich gar nicht hätte öffentlich-rechtlich fliegen dürfen, er fliegt – wahrscheinlich irrtümlicherweise.

Der NEH Kessin fliegt – obwohl er nach dem Willen Vieler nie hätte fliegen sollen

Der NEH Kessin fliegt – obwohl er nach dem Willen Vieler nie hätte fliegen sollen
Foto: Jörn Fries

... und fliegt ... und fliegt ... und fliegt

... und fliegt ... und fliegt ... und fliegt
Foto: HeliFlight

Heute vor auf den Tag genau 22 Jahren, am 1. September 1995, nahm in Kessin am Rande der altehrwürdigen Hansestadt Rostock ein damals von vielen belächelter Exot in der Luftrettung seinen Dienst auf: der mit einem Piloten, einem Notarzt und einem Rettungsassistenten besetzte Notarzteinsatzhubschrauber (NEH) vom Typ Robinson R 44. Der von den beiden Firmen Ambulanz Millich/Meermann (Rostock) und HeliFlight (Reichelsheim in der Wetterau) initiierte Versuch war zunächst auf drei Monate beschränkt und wurde bereits kurze Zeit später in den Dauerbetrieb überführt.

Dank seiner Außenmaße sind Landungen fast an allen Einsatzorten möglich

Dank seiner Außenmaße sind Landungen fast an allen Einsatzorten möglich
Foto: HeliFlight

Die “Fliegende Notarztstation“ – so titelte am 6. Oktober 1995 die “Ostsee-Zeitung“ – kann im Gegensatz zu den Rettungs- und Intensivtransporthubschraubern keine Patienten transportieren, ist aber wie ein herkömmliches Notarzteinsatzfahrzeug (NEF) nach DIN ausgestattet. Der NEH, der heute bei den örtlichen Leitstellen unter den Funkrufnamen “Rettung 029-01-82-01“ bzw. “Heli Kessin“ bekannt ist, wird von der zuständigen Integrierten Leitstelle Mitte in Bad Doberan jährlich zu rund 1.200 Einsätzen als schneller Notarztzubringer alarmiert. Die Notfallpatienten werden nach der Versorgung durch den “Flying Doctor“ mit einem Rettungswagen, ggf. unter notärztlicher Begleitung, bodengebunden ins Krankenhaus gebracht.

Bodengebundener Rettungsdienst und luftgebundener Notarztdienst arbeiten im Rendezvous-System

Bodengebundener Rettungsdienst und luftgebundener Notarztdienst arbeiten im Rendezvous-System
Foto: HeliFlight

Waren 1995 in den ersten vier Betriebsmonaten 142 Einsätze zu fliegen, so wurde bereits im Jahr 2000 die “Schallmauer“ von 1.000 Einsätzen pro Jahr durchbrochen. Eine geringe Fehleinsatzquote und das durch den Mündungsbereich der Warnow zerklüftete Einsatzgebiet machen den heute am Heliport der Firma Ambulanz Millich Rettungsdienst GmbH im Dummerstorfer Ortsteil Kessin stationierten NEH zu einem unverzichtbaren Teil des öffentlich-rechtlichen Rettungsdienstes in der Hansestadt Rostock und im gleichnamigen Großkreis. HeliFight stellt auch heute noch Maschine und Piloten, Ambulanz Millich den Rettungsassistenten (RettAss) / Notfallsanitäter (NFS) und seit März 2010 wird das ärztliche Personal von der Uniklinik Rostock gestellt (vorher waren so genannte Freelancer als Notärzte mit an Bord, ganz am Anfang mit Christian Knoell sogar ein festangestellter hauptamtlicher Notarzt).

Im Einsatzgebiet des NEH “Heli Kessin“ liegt die “Ostseeautobahn“ A 20

Im Einsatzgebiet des NEH “Heli Kessin“ liegt die “Ostseeautobahn“ A 20
Foto: HeliFlight

Einsätze abseits der großen Routen gehören aber auch zu seinem Aufgabenfeld

Einsätze abseits der großen Routen gehören aber auch zu seinem Aufgabenfeld
Foto: HeliFlight

Zu den Männern und Frauen der ersten Stunde gehören Pilot Dirk Franzke (HeliFlight), der festangestellte hauptamtliche Notarzt Christian Knoell und RettAss Oliver Meermann (MM Ambulanz). Im Gespräch mit rth.info erinnert sich Meermann, der seit Anfang 2016 Mitglied im Landesvorstand der Johanniter im Landesverband Hessen/Rheinland-Pfalz/Saar und zudem Geschäftsführer der Johanniter Luftrettung ist, an die Anfänge des NEHs: “Ich bin stolz, einer der Gründungsväter dieses aus einer lokalen Notwendigkeit heraus entstandenen NEH-Idee zu sein. Aus einem kleinen, zeitlich befristeten Projekt wurde eine Dauereinrichtung. Der Kessiner NEH hat in über zwanzig Jahren vielen tausend Menschen schnelle Hilfe aus der Luft gebracht. Und er zeigt, dass wo ein Wille ist, auch eine Lösung für als unmöglich Erachtetes gefunden werden kann.“

20 Jahre NEH Kessin

Anfang September 2015 feierte man in Kessin das 20-jährige Bestehen dieses einzigartigen Notarzt-Systems. Zu Gast waren verschiedene Robinson-Maschinen (R44 und R66) sowie der Intensivtransporthubschrauber (ITH) “Christoph Rostock“ aus der benachbarten Hansestadt Rostock. Des Weiteren konnte HeliFlight-Geschäftsführer Klaus Gehrmann viele Gäste aus Politik, Verwaltung und Gesellschaft begrüßen. Das 25-Jährige im Spätsommer 2020 wird man sicherlich in einem noch größeren Rahmen feiern können.

Zum 20-jährigen Bestehen dieses einzigartigen Systems trafen sich am Heliport in Kessin gleich drei “Exoten der Lüfte“

Zum 20-jährigen Bestehen dieses einzigartigen Systems trafen sich am Heliport in Kessin gleich drei “Exoten der Lüfte“
Foto: HeliFlight

Dicht umringt war dabei die damals neue Robinson R 66

Dicht umringt war dabei die damals neue Robinson R 66
Foto: HeliFlight

HeliFlight-Geschäftsführer Klaus Gehrmann (Bildmitte) konnte viele Gäste begrüßen

HeliFlight-Geschäftsführer Klaus Gehrmann (Bildmitte) konnte viele Gäste begrüßen
Foto: HeliFlight

Anmerkungen zur Namensgebung

Die Namensgebung des Kessiner NEH ist eine etwas verworrene Angelegenheit. Als es noch den Landkreis Bad Doberan gab (dieser wurde 2011 im Rahmen der Gebietsreform aufgelöst), hieß der NEH “Rettung 64/82-01“, seit Einrichtung der Integrierten Leitstelle für den neuen, um ein Vielfaches vergrößerten Landkreis Rostock wurde daraus der BOS-Funkrufname „Rettung 29-01-82-01“. Mit der Deutschen Flugsicherung in Rostock-Laage besteht jedoch eine Betriebsabsprache, damit der NEH besser erkannt wird und die Funkmeldung auch nicht mehr so umständlich ist: Seit September 2012 heißt der NEH innerhalb der Flugkontrollzone (Controlled Traffic Region, CTR) Laage „Heli Kessin“ mit dem jeweiligen Zusatz „Rescue“ oder „Normal“ je nachdem, ob der Hubschrauber einen Notfalleinsatz fliegt oder nicht. An den anderen kleinen Flugplätzen (beispielsweise Purkshof EDCX oder Wismar EDCW) meldet sich die Besatzung mit der jeweiligen Kennung der Maschine. Bis August 2012 galt noch die alte Absprache, sich mit „Christoph Kessin“ in der CTR Laage zu melden. Den umstrittenen “Christoph“-Rufnamen darf der NEH Kessin allerdings seit September 2012 nicht mehr verwenden, da er nicht Bestandteil der öffentlich-rechtlichen Luftrettung in Mecklenburg-Vorpommern ist. Es gab lediglich eine Ausnahmeregelung für den Zeitraum des G 8-Gipfels in Heiligendamm (vom 6. bis 8. Juni 2007). Diese gilt jedoch nicht mehr. Ein Antrag auf Verwendung des Rufnamens wurde aus den genannten Gründen durch die Bundespolizei-Fliegergruppe (BPOLFLG) abgelehnt.

Übrigens: Ein weiterer Versuch, einen NEH in der bundesweiten Luftrettung zu etablieren, fand vom 1. Mai 1993 bis 31. Dezember 1993 statt. Der im thüringischen Suhl am dortigen Klinikum stationierte “Christoph 60“ wurde ebenfalls von der Firma HeliFlight betrieben, allerdings wurde dort eine Robinson R 22 eingesetzt. Ab dem 1. Januar 1994 übernahm die damalige Deutsche Rettungsflugwacht, Vorläuferin der heutigen DRF Luftrettung, den Betrieb und setzte einen Rettungshubschrauber (RTH) vom Typ BO 105 ein, seit August 2004 fliegt in Suhl eine EC 135. Spektakulär scheiterte 2011 ein Versuch des KBA e. V. aus Norderstedt, der einen NEH auf Basis der BO 105 CBS-4 in Hartenholm stationierte. Die Krankenkassen als Kostenträger weigerten sich allerdings, die geflogenen Einsätze zu refinanzieren – zu recht, wie spätere Verhandlungen vor Gericht zeigten. Weitere Projekte gab es unter anderem im nordhessischen Vogelsbergkreis und im Raum Schwerin. Allerdings ist die Quellenlage dazu etwas diffus, so dass die Beschäftigung mit diesen Versuchen vorerst ein Forschungsdesiderat bleiben muss.

28 Jahre zuvor, am 1. September 1967, endete der dreiwöchige Feldversuch von Hans-Werner Feder mit seinem “Notarzt-Hubschrauber“, der Beginn der zivilen Luftrettung

28 Jahre zuvor, am 1. September 1967, endete der dreiwöchige Feldversuch von Hans-Werner Feder mit seinem “Notarzt-Hubschrauber“, der Beginn der zivilen Luftrettung
Foto: Sammlung Hans-Werner Feder / Archiv Werner Wolfsfellner MedizinVerlag (München)

Einträchtig vereint: der NEH “Heli Kessin“ (vorne) und der ITH “Christoph Rostock“ (hinten)

Einträchtig vereint: der NEH “Heli Kessin“ (vorne) und der ITH “Christoph Rostock“ (hinten)
Foto: HeliFlight

Fazit

Hans-Werner Feders Idee, Notfallpatienten mit Hilfe eines Notarzt-Hubschraubers schnellstmöglich aus der Luft zu erreichen und zu versorgen, hat sich auch 50 Jahre nach seinem dreiwöchigen Feldversuch vom 11. August bis 1. September 1967 als richtig erwiesen, wie das Beispiel des Kessiner NEH – und des seit dem 26. September 1993 am Rostocker Klinkum Südstadt stationierten Intensivtransporthubschraubers (ITH) “Christoph Rostock der Johanniter Luftrettung und vieler anderer RTH und ITH – eindrucksvoll zeigt.

 
Autor(en)
Jörn Fries
Quelle(n)
diverse Zeitungsartikel sowie die Ausgaben 03/96, 05/97 und 06/97 des RETTUNGSDIENST JOURNALs und die Ausgabe 1/1998 des RETTUNGS-MAGAZINs
Wir danken:
den Herren Oliver Meermann von den Johannitern und Werner Wolfsfellner vom gleichnamigen MedizinVerlag in München (schriftliche Quellen) sowie der Firma HeliFlight (Bilder)