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30 Jahre Christophorus 1

01.07.2013

Die Würdigung einer ersten Luftrettungsstation einer Organisation zu veröffentlichen birgt häufig einen Zwiespalt. Sofern man sich rein auf den Standort konzentriert, so wird eventuell eine Vorgeschichte dazu unterschlagen, die aber durchaus von Interesse für den Einstieg in die Luftrettung sein kann. Im weiteren Verlauf dieser Stationshistorie kann es immer wieder zu „Abschweifungen“ kommen, allerdings können diese für die weitere Entwicklung der Station von Bedeutung sein. Diesen Spagat will rth.info mit der nachfolgenden Reportage über den österreichischen „Christophorus 1“ versuchen.

“Christophorus 1” und eine „Alouette III“ des österreichischen Bundesheeres im Einsatz

“Christophorus 1” und eine „Alouette III“ des österreichischen Bundesheeres im Einsatz
Foto: Archiv rth.info

In den ersten Nachkriegsjahren des Zweiten Weltkrieges war in Österreich jegliche Art von Luftfahrzeugen verboten. Auch Bundesheer, Polizei und Gendarmerie verfügten demzufolge über keinerlei Luftfahrzeuge. Gewaltige Naturereignisse in Form von Lawinenabgängen machten allerdings bereits im Jahre 1954 sehr deutlich, dass ein Einsatz von Luftrettungsmittel wieder nötig sein wird. Anmerkung am Rande: Bereits während des Zweiten Weltkrieges hatte man erste Luftrettungseinsätze mit einem Flugzeug durchgeführt.

Durch eine Art Amtshilfe durften ab März 1956 wieder Rettungseinsätze geflogen werden, im ersten Anlauf mit einer Piper. Die Arbeit an der Perfektionierung um ärztliche Soforthilfe leisten zu können setzte sich im Jahre 1971 fort. An der Chirurgischen Universitätsklinik Innsbruck wurde in Zusammenarbeit mit der Flugeinsatzstelle (FEST) Innsbruck des Bundesinnenministeriums ein „bergrettungsärztlicher Flugbereitschaftsdienst“ eingerichtet. Es war der erste Notarztbereitschaftsdienst für Alpinunfälle in Europa.

In Österreich schaute man in Bezug auf die Flugrettung mit Hubschraubern auch stets gespannt nach Deutschland. Dort liefen einige Versuche mit Hubschrauber, diese wurden unter anderem für Verkehrsunfälle, Arbeitsunfälle und weitere Einsatzarten genutzt. Gerade dem in München stationierten „Christoph 1“ galt besonderes Interesse. Im Jahr 1982 wurde in der Alpenrepublik gesetzlich beschlossen, ein flächendeckendes Netz mit Hubschraubern aufzubauen. Ebenfalls interessant dürfte sein, dass auch in Österreich ein Mediziner namens Prof. Flora eine treibende Kraft bei der Umsetzung dieses Beschlusses war. Ähnliche Erfahrungen hatte man in Deutschland unter anderem mit Dr. Hans Burghart in München und Prof. Ahnefeld (†) in Ulm gemacht, rth.info berichtete.

Feierliche Indienststellung des NAH “Christophorus 1” am 1. Juli 1983. Erste Einsatzmaschine: eine AS 355 F „Ecureuil II“

Feierliche Indienststellung des NAH “Christophorus 1” am 1. Juli 1983. Erste Einsatzmaschine: eine AS 355 F „Ecureuil II“
Foto: ÖAMTC

Im März 1983 gründete der ÖAMTC den Christophorus Flugrettungsverein (CFV). Am 01. Juli 1983 wurde dann in Kooperation mit dem ÖRK Innsbruck, der Tyrolean Air Ambulance und dem ÖAMTC der erste „echte“ Notarzthubschrauber, eine AS 355 F „Écureuil II“ als „Christophorus 1“ in Dienst gestellt. Bis Ende des Jahres flog „Christophorus 1“ bereits 160, im folgenden Jahr auf 570 Einsätze. Im Zeitraum 01. Juli 1983 bis 01. Juli 1988 wurden fast 2.300 Einsätze absolviert, von denen etwa 245 mit Tau/Windenbergung durchgeführt wurden.

Frühes Einsatzbild mit der ersten Maschine „OE-FXA“. Sie wurde Anfang des Jahrtausends von der Bundesfachschule Flugtechnik in Langenlebarn vollständig restauriert

Frühes Einsatzbild mit der ersten Maschine „OE-FXA“. Sie wurde Anfang des Jahrtausends von der Bundesfachschule Flugtechnik in Langenlebarn vollständig restauriert
Foto: ÖAMTC

Einige Randbemerkungen: Im Jahr 1988 wurde die Universitätsklinik Innsbruck 565 Mal von Luftrettungsmitteln angeflogen. Dies ist bemerkenswert, da für diese Klinik ein generelles Einflugverbot für Leichtverletzten galt und eine Ausnahme nur den Transport von Intensivpatienten in Einzelfällen gestattete. Ein anderer Aspekt, der Anlass zur Kritik gab, bezog sich auf die Zusammenarbeit mit dem Nachbarland. Trotz genereller Zollbewilligung wurde auf deutscher Seite im Bereich der Zugspitze nicht auf „Christophorus 1“ sondern auf die SAR-Maschine aus Penzing bzw. „Christoph 1“ zurück gegriffen.

Zwischendurch versah auch eine SA 316 “Alouette III” den Dienst als „Christophorus 1”...

Zwischendurch versah auch eine SA 316 “Alouette III” den Dienst als „Christophorus 1”...
Foto: ÖAMTC

... dieser Hubschraubertyp ist insbesondere für seine guten Flugleistungen im Gebirge bekannt

... dieser Hubschraubertyp ist insbesondere für seine guten Flugleistungen im Gebirge bekannt
Foto: Günther Dullnig

Als einziger NAH der Christophorus Flugrettung verfügte er regulär über eine Winde

Als einziger NAH der Christophorus Flugrettung verfügte er regulär über eine Winde
Foto: Günther Dullnig

Zwischenzeitlich wechselte der Standort Christophorus 1 auf eine SA 316 „Alouette III“, welche Anfang 1989 durch eine AS 350 B1 abgelöst wurde. Später kam auch die Version AS 355 N zum Einsatz, die über zwei Arrius-Triebwerke verfügt. Der Republik Österreich, und damit auch allen zivilen Nutzern, war als Auswirkung des Zweiten Weltkrieges lange Jahre untersagt worden verschiedene Güter (darunter auch Hubschrauber) aus deutscher Produktion zu erwerben bzw. zu nutzen.

Bei Engpässen kam auch die SA 315 „Lama“ zum Einsatz. Auch dieser Hubschraubertyp ist im Nachbarland Schweiz quasi zur Ikone der Alpenfliegerei geworden

Bei Engpässen kam auch die SA 315 „Lama“ zum Einsatz. Auch dieser Hubschraubertyp ist im Nachbarland Schweiz quasi zur Ikone der Alpenfliegerei geworden
Foto: Günther Dullnig

Die OE-FXA war die erste „Ecureuil“ des CFV. Nach der Restaurierung übergab der ÖAMTC/CFV das Exponat als Schenkung an das technische Museum Wien

Die OE-FXA war die erste „Ecureuil“ des CFV. Nach der Restaurierung übergab der ÖAMTC/CFV das Exponat als Schenkung an das technische Museum Wien
Foto: Günther Dullnig

Dieses Bild zeigt nicht nur eine Crew der ersten Stunde sondern auch die beengten Platzverhältnisse im „Ecureuil“

Dieses Bild zeigt nicht nur eine Crew der ersten Stunde sondern auch die beengten Platzverhältnisse im „Ecureuil“
Foto: Günther Dullnig

Mit der Ankündigung, die strengeren EU-Normen CS 27 (bzw. JAR27) oder CS 29 (bzw. FAR29) umzusetzen, folgte auch beim ÖAMTC eine Entscheidung. Am 2. Februar 1996 berichtet die Tiroler Tageszeitung von einem praktischen Test einer MD 900 „Explorer“ des ÖAMTC am Flughafen Innsbruck. Eine Woche zuvor wurde eine EC 135 ebenfalls in Innsbruck einem praktischen Test unterzogen. Ob die Option der italienischen Agusta A 109 K2 (welche durch die Rega genutzt wurde) auch einem praktischen Test unterzogen wurde, ist nicht bekannt. Jedenfalls soll dieses Hubschraubermuster ebenfalls im Gespräch gewesen sein.

Der ÖAMTC entschied sich für die EC 135 und die erste Maschine wurde 1997 ausgeliefert. In sehr kurzen Abständen erfolgte die Flottenumstellung, welche dem ÖAMTC zeitweise den Titel „weltweit größter privater Betreiber EC 135“ mit sich brachte.

2005 konnte das „Flugrettungszentrum West“ seiner Bestimmung übergeben werden. Der Heliport liegt nicht im Bereich des Flughafens Innsbruck und hat die eigenständige Kennung LOJO

2005 konnte das „Flugrettungszentrum West“ seiner Bestimmung übergeben werden. Der Heliport liegt nicht im Bereich des Flughafens Innsbruck und hat die eigenständige Kennung LOJO
Foto: ÖAMTC

Im Jahr 2005 gab es einen Umzug der Station in das Flugzentrum West, welche für die Christophorus Flugrettung und die Flugpolizei gebaut wurde. Die FEST Innsbruck und „Christophorus 1“ teilen sich seit dem einen gemeinsamen, jedoch unterschiedlich gestalteten Gebäudekomplex mit eigenem Heliport außerhalb des Flugbetriebsbereiches des Flughafen Innsbruck. In unmittelbarer Nachbarschaft wurde auch ein Instandhaltungsbetrieb der Firma Heliair errichtet, der sich für die Wartung der Christophorus-Flotte verantwortlich zeichnet. Im Juli 2008 traten dann mit Wirkung zum 1. Januar 2010 die neuen Sicherheitsbestimmungen (JAR-OPS 3) in Kraft. Zu diesem Zeitpunkt war die erste EC 135 bereits dreizehn Jahre im Einsatz. Im Schnitt fliegt man inzwischen rund ein Prozent der Einsätze auf dem Gebiet von Deutschland.

„Christophorus 1“ mit dem derzeitigen Hubschraubertyp EC 135 am Standort vor klassischer Kulisse

„Christophorus 1“ mit dem derzeitigen Hubschraubertyp EC 135 am Standort vor klassischer Kulisse
Foto: ÖAMTC

Bedauerlichweise wurde auch dieser Standort nicht von einem Unfall verschont. Auf dem Rückflug eines Einsatzes stürzte im Februar 1988 die damalige Einsatzmaschine (eine Alouette III) ab. Pilot und ein Sanitäter wurden schwer verletzt. Der Notarzt und ein weiterer Sanitäter verloren ihr Leben, die Unfallursache wurde nie aufgeklärt.

Leider ging 1988 eine „Alouette III“ durch Absturz verloren. Hier eine Ersatzmaschine ohne Winde

Leider ging 1988 eine „Alouette III“ durch Absturz verloren. Hier eine Ersatzmaschine ohne Winde
Foto: Günther Dullnig

Ein Aspekt der sich nicht erst seit 2001 (nach der Privatisierung der Flugrettung in Österreich) wie ein roter Faden durch die Geschichte der Christophorus Flugrettung zieht, ist die Finanzierung. Bereits sehr früh verwies man auf eine komplizierte Abrechnungsmechanik.

Als einer der wenigen Staaten verfügt Österreich übrigens über keine Luftrettungsstation mit der Ziffer 13…

Wir wünschen der Innsbrucker Station und allen Besatzungen auch in Zukunft: „many happy landings...“

 
Autor(en)
FTR
HRG