11.10.2009
In Lee-on-Solent an der englischen Südküste steht täglich rund um die Uhr eine AW139 der Küstenwache für Einsätze bereit. Mit modernster Technik und unter optimalen Bedingungen wird hier der Einsatzbetrieb sichergestellt.
Warten auf den nächsten Einsatz bei schönstem Sommerwetter. Gerade dieses Sommerwetter lockt zahlreiche Touristen in die Region, die oft von plötzlichen Wetterumschwüngen überrascht werden
Foto: Johannes Herrmann
Noch vielerorts im Einsatz: Sea King
Foto: Johannes Herrmann
Die HM Coastguard (Her Majesty Coastguard – Küstenwache der königlichen Majestät) ist der Maritime and Coastguard Agency UK, kurz MCA, zugehörig. Zur flächendeckenden Seenotrettung ist entlang der gesamten Küste ein Netzwerk an Standorten mit Booten und teils geländegängigen Fahrzeugen für z.B. Strandeinsätze aufgebaut. Diese Standorte werden zum Teil auch ehrenamtlich besetzt. Zur Unterstützung aus der Luft sind ebenfalls flächendeckend Hubschrauberstandorte verteilt. In der Regel greift man hier auf Ressourcen der Streitkräfte zurück, Sea King Hubschrauber von Luftwaffe und Marine.
An vier Standorten werden jedoch nicht-militärische Luftrettungsmittel vorgehalten. So stehen in Schottland an zwei Standorten Sikorsky S-92 für die Küstenwache zur Verfügung. An den Standorten Lee-on-Solent und Portland in Südengland setzt man auf Agusta-Westland AW139. Die gesamte Organisation des Flugbetriebs wurde 2005 in einem Fünfjahresvertrag an die Firma CHC Scotia übertragen. Sie ist weltweit in 34 Ländern tätig, überwiegend im Off-Shore Bereich. Sie übernahm dann im Jahr 2007 den Flugbetrieb an den vier Standorten.
Rückkehr zur Basis nach einem Einsatz
Foto: Johannes Herrmann
Nach derzeitigen Planungen sollen ab 2011 auch alle weiteren Hubschrauber-Basen privatisiert werden. CHC Scotia sieht gute Chancen sein Engagement weiter ausbauen zu können. Sollte die Firma tatsächlich den Zuschlag bekommen will man an den neuen Standorten wahrscheinlich auf die S-92 setzen.
Blick in die Kabine der AW139
Foto: Johannes Herrmann
Glascockpit der AW139
Foto: Johannes Herrmann
Lee-on-Solent liegt an der englischen Südküste in unmittelbarer Nähe der Städte Portsmouth und Southampton sowie der Isle of Wight. Am dortigen Flugplatz ist die HM Coastguard bereits längere Zeit mit Hubschraubern vertreten. Erst vor wenigen Jahren konnte ein komplett neu gebauter Hangar bezogen werden. Er bietet ausreichend Platz zum unterstellen der Einsatzmaschine und beherbergt zusätzlich die eigene Werft. Für die beiden Standorte in Lee-on-Solent und Portland stehen drei Hubschrauber zur Verfügung. Die notwendigen Checks und Reparaturen werden in Lee-on-Solent durchgeführt. Dementsprechend befindet sich in der Regel immer ein zweiter Hubschrauber hier zur Wartung.
Weiterhin befinden sich in dem großzügig geplanten Gebäude modern und funktional eingerichtete Arbeits-, Aufenthalts- und Ruheräume.
Die Ausrüstung im hinteren Teil des Hubschraubers
Foto: Johannes Herrmann
Seit März 2008 stehen die neu beschafften AW139 im Einsatzdienst und lösten die zuvor genutzten Sea King ab. Mit ihnen sind Rettungseinsätze bis zu einer Dauer von 2,5 Stunden möglich. Die medizinische Ausstattung entspricht in etwa der eines herkömmlichen Rettungshubschraubers, so befinden sich z.B. ein automatischer Defibrillator und für das Monitoring eine mobile Patientenüberwachungseinheit an Bord. Zusätzlich wird speziell für die Seenotrettung benötigte Ausrüstung mitgeführt, z.B. diverse Rettungsschlingen und Tragen für Winscheinsätze. Die Maschine verfügt über zwei Winden mit einer Tragkraft von je 272 kg. Dabei kommt jedoch stets nur eine Winde zum Einsatz, die andere dient nur als Reserve für den Fall eines technischen Defekts.
Die beiden Seilwinden des Hubschraubers
Foto: Johannes Herrmann
Um Platz für die umfangreiche Ausstattung zu schaffen welche im hinteren Bereich verstaut ist wurde ein Teil der Computer die für die Steuerung des Hubschraubers nötig sind nach vorne umplatziert. Darum haben die AW139 der Küstenwache eine etwas längere Nase als die Standardversion. Zusätzlich befindet sich hier auch ein Wetterradar. Speziell für Nachteinsätze ist der Hubschrauber auch mit einer kombinierten TV- und Wärmebildkamera sowie einem Suchscheinwerfer ausgestattet um das Auffinden von gesuchten Personen zu erleichtern und ein möglichst sicheres Landen auf in der Regel unbeleuchteten Außenlandeplätzen zu ermöglichen. Da diese beiden Anbauten relativ niedrig angebracht sind ist vor allem bei Landungen in unebenem Gelände erhöhte Vorsicht geboten.
Die Einsatzmaschine vor dem neu errichteten Hangar
Foto: Johannes Herrmann
Eine Einsatzcrew besteht aus vier Personen. Der Hubschrauber wird durch zwei Piloten geflogen. Sie kommen teilweise auch aus dem Ausland, z.B. aus den Niederlanden und werden von CHC für die Küstenwache eingesetzt. Weiterhin befindet sich der Wich-Operator an Bord, der bei Einsätzen nötigenfalls die Winde bedient.
Die Nase des Hubschraubers beherbergt einen großen Teil der Elektronik und das Wetterradar (links)
Foto: Johannes Herrmann
Der Winchman wird im Bedarfsfall mit Hilfe der Winde zum Verunfallten abgeseilt. Darum ist sein typisches Markenzeichen der knallorange Überlebensanzug, der im Notfall ein möglichst langes Überleben und schnelles auffinden im Wasser gewährleisten soll. Ein Plus an Sicherheit, allerdings ist der Winchman gerade bei sommerlichen Temperaturen um seine Arbeitskleidung nicht zu beneiden. Er ist gleichzeitig ausgebildeter Paramedic und somit auch für die Versorgung des Patienten an Bord verantwortlich.
Wartungen werden im eigenen Hangar selbst durchgeführt
Foto: Johannes Herrmann
Nicht zu vergessen sind die Techniker. Sie führen nicht nur in der eigenen Werft die anfallenden Arbeiten durch sondern stehen auch nach der Landung den Piloten zur Seite um den Hubschrauber wieder für den nächsten Einsatz vorzubereiten und eventuell während des Fluges aufgetretene Probleme schnellstmöglich wieder zu beheben.
Suchscheinwerfer
Foto: Johannes Herrmann
Kamera
Foto: Johannes Herrmann
Von Lee-on-Solent aus werden rund um die Uhr Rettungseinsätze geflogen. Die Vorlaufzeit beträgt 15 Minuten, nachts maximal 45 Minuten. Der Anteil an Nachteinsätzen ist jedoch relativ gering. Da die Nachbar-Basis in Portland nur tagsüber besetzt ist versorgt die Crew aus Lee-on-Solent nachts auch deren Einsatzgebiet mit. Da für die Crews der Küstenwache ähnliche Wetterminima wie für militärische Besatzungen bindend sind ergibt sich eine hohe Verfügbarkeit auch unter widrigsten Wetterbedingungen. Das Einsatzspektrum setzt sich im Wesentlichen aus den klassischen Aufgaben der Seenotrettung und der Rettung von Personen aus den Klippen zusammen. Hier ist im Sommer das Einsatzaufkommen aufgrund der zahlreichen Touristen im Sommer größer. Schon so mancher Freizeit-Kapitän hat sein Leben den Männern im Hubschrauber zu verdanken.
Nicht selten werden aber beispielsweise auch Verlegungsflüge von der Isle of Wight zum Festland durchgeführt.
Regelmäßig wird der Ernstfall geübt. So stehen insbesondere Windenübungen oft auf dem Plan der Seenotretter um den nächsten scharfen Einsatz wieder erfolgreich abschließen zu können.
Dies ist der 2. Teil unserer aktuellen Serie über verschiedene Luftrettungssysteme in Großbritannien. Teil 1 über die Ambulance-Dienste der Sussex Police war am 27.09.2009 erschienen. rth.info dankt Johannes Herrmann herzlich für sein Engagement und seine freundliche Unterstützung!