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SZ: Kommentator zerreißt Luftrettungs-Gutachten

21.03.2010

München (BAY) ::  Stefan Mayr, Kommentator für die Süddeutsche Zeitung, hat in dem renommierten Printmedium Ende dieser Woche das im November gefertigte Gutachten namens "Bedarfsanalyse zur Luftrettung in Bayern" verbal zerrissen. Das Gutachten, welches rth.info vorliegt und vom Institut für Notfallmedizin und Medizinmanagement (INM) am Klinikum der Universität München erstellt wurde, hätte

"auf vielen bunten Grafiken [...] unzählige Szenarien durchgespielt – doch eine der umstrittensten Fragen wird lapidar auf lediglich einer Seite abgehandelt: Soll der Rettungshubschrauber in Augsburg oder in Donauwörth stehen?"

Der deutlich herauszulesende Unterton der Empörung verdeutlicht, wie emotional die Debatte in Bayern mittlerweile geführt wird, zumal auch die Angabe "auf einer Seite" nicht stimmt; tatsächlich ist der Abschnitt länger. Grundlage der Diskussionen ist die vom Bayerischen Staatsministerium des Innern angeforderte Analyse hinsichtlich möglicher Strukturverbesserungen im Luftrettungs-Standortnetz, nachdem in den betreffenden Gebieten in und um Augsburg und Donauwörth Forderungen laut geworden waren, die Versorgung der jeweiligen Region mit Rettungshubschraubern zu verbessern.

Das Gutachten liest sich zu dieser Frage auszugsweise wie folgt:

"Es zeigt sich, dass das Einsatzgebiet eines Standorts an dieser Stelle [=Augsburg, Anm. d. Red.] nahezu vollständig von bereits bestehenden Standorten abgedeckt wäre. Die bisher nicht abgedeckte Region Donau-Ries/ Ansbach bliebe jedoch weitgehend außerhalb der Reichweite eines Standorts in Augsburg.

Bei der Standortplanung sind außerbayerische Luftrettungsstandorte zu berücksichtigen, die [...] Regionen innerhalb Bayerns abdecken.

Die für eine flächendeckende Versorgung von Notarzteinsätzen mit Tracer-Diagnosen innerhalb der vorgegebenen Zeit erforderliche Versorgungsstruktur für die Luftrettung soll mit möglichst geringen Änderungen an den bestehenden Strukturen erreicht werden."

Diese deutliche Stellungnahme gegen eine Stationierung in Augsburg kommentiert Mayr:

"Das Gutachten legt sich auf Donauwörth fest und begründet dies mit einem Zirkelkreis auf der Landkarte. [...] Alle anderen Kriterien fallen unter den Tisch. "

Tatsächlich orientieren sich die Gutachter mit Verweis auf bisherige Bedarfsanalysen sehr stark an den starren Einsatzradien. Das Gutachten nimmt zusätzlich auch zu einem möglichen Standort Kaufbeuren Stellung:

"Bei einer Lozierung eines Standortes in Kaufbeuren wäre die Mehrfachüberdeckung in der Region Allgäu mit bereits bestehenden bayerischen und außerbayerischen Luftrettungsstandorten noch ausgeprägter. Das zentrale Versorgungsgebiet dieses Standortes kann bereits jetzt durch die Luftrettungsstandorte Kempten, Murnau, Ulm, Friedrichshafen sowie Reutte/ Tirol problemlos erreicht werden. Die Region westliches Mittel- franken/ nordwestliches Schwaben läge jedoch deutlich außerhalb des Einsatzradius eines Standortes in Kaufbeuren.
Mit einer Standortlozierung nördlich von Augsburg könnten dagegen die bisher nicht in einem der planerischen Einsatzbereiche von Luftrettungsstandorten liegenden Regionen vollständig abgedeckt werden. Dieser Standort sollte so positioniert sein, dass die schnelle Erreichbarkeit einer Klinik der höchsten Versorgungsstufe und die Arztbesetzung aus einer solchen Klinik erfüllt werden können.
Ein Standort im Bereich Donauwörth [...] erfüllte alle oben genannten Kriterien, da auch die Distanz zur Stadt Augsburg bodengebunden lediglich ca. 45 km beträgt und die ärztliche Besetzung des Standorts somit vom Klinikum Augsburg erfolgen könnte.

— Für eine flächendeckende Versorgung von Tracer-Diagnosen in der Region westliches Mittel- franken/ nordwestliches Schwaben innerhalb des vorgegebenen Prähospital-Zeitintervalls ist in der Region Donauwörth ein Luftrettungsstandort erforderlich.
— Die Region Donauwörth weist durch die Nähe zur Stadt Augsburg und dem dortigen Klinikum die Voraussetzung für eine ärztliche Besetzung eines Luftrettungsstandorts auf.
— Da die Verlagerung eines bereits bestehenden Standortes in die Region Donauwörth mit Ver- sorgungseinbußen im bisherigen Einsatzbereich einherginge, sind in der Region Donauwörth neue Strukturen zu etablieren."

Bezüglich der Situation in der Oberpfalz macht das Guthaben die Auswahl leichter (zumal die Debatte weniger hitzig geführt wird):

"Für die Region Nordostbayern wurde in der Simulation ein Standort in Amberg gewählt. Mehrere Simulationsvordurchläufe ergaben für die Standorte Amberg und Weiden keine wesentliche Präferenz für einen der beiden Standorte, so dass vielmehr bei einer realen Etablierung eines Standortes regionale strukturelle Gegebenheiten (Landeplätze, Versorgungsstrukturen) den Ausschlag geben sollten."

Man darf sehr gespannt sein, wie die Entscheidungen zugunsten welcher neuen Strukturen ausfallen werden, zumal die Kostenträger sich bislang eher bedeckt gehalten haben. Bemerkenswert ist die Selbstverständlichkeit, mit der alle Seiten offenbar davon ausgehen, die Luftrettung als Basiskomponente des Rettungsdienstes zu sehen, und nicht mehr in ihrer originären Ergänzungsfunktion. Denn nach wie vor sind die Luftrettungsmittel ganz überwiegend nur bei Tageslicht einsatzbereit. 24h-Standorte können durch ihre Vorlaufzeiten und andere Einschränkungen nur post-primär eingreifen, wenn andere Einsatzkräfte schon zur Erstversorgung und Ausleuchtung vor Ort sind. Probleme in der flächendeckenden rettungsdienstlichen Versorgung am Boden sind somit nicht zu leugnen und sollen jetzt aus der Luft abgefedert werden.

Zu guter Letzt wird auch mit Spannung zu beobachten sein, welche Argumente schlussendlich ins Feld geführt werden, wenn es um die Frage der gegenüber Augsburg erhöhten Anzahl der Nebeltage p.a. geht, die in Donauwörth anzutreffen sind.

 

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PPR