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Vor 50 Jahren: Rotes Kreuz testet Hubschrauber auch in Mainz

06.08.2018

Mainz (RPF) ::  Nach München und Nürnberg (rth.info berichtete) testete das Deutsche Rote Kreuz auch in Mainz über mehrere Wochen den Einsatz eines Rettungshubschraubers (RTH). Vom 6. August bis zum 22. September 1968 kam in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt ein vom Roten Kreuz bei der Firma LTD Helicopters gecharteter Hubschrauber vom Typ Alouette III als RTH zum Einsatz- Die Maschine konnte zwei Liegendpatienten transportieren. Verantwortlich für den Test waren das Präsidium des Deutschen Roten Kreuzes (Bonn) in Kooperation mit dem DRK-Landesverband Rheinland-Pfalz (Mainz) und dem Institut für Anaesthesiologie der Mainzer Universitätskliniken. Finanziell gefördert wurde der Versuch, wie zuvor schon jene in München und Nürnberg, vom Bundesminister für Verkehr. Von Vorteil war sicherlich, dass der Direktor des Instituts für Anaesthesiologie der Mainzer Unikiniken, Prof. Dr. med. Rudolf Frey, zugleich auch DRK-Bundesarzt war.

Benjamin Homberg widmete dem Mainzer Testeinsatz eine Doppelseite in seinem 1985 erschienenen Buch “Wir fliegen damit Sie leben. 15 Jahre organisierte Luftrettung“

Benjamin Homberg widmete dem Mainzer Testeinsatz eine Doppelseite in seinem 1985 erschienenen Buch “Wir fliegen damit Sie leben. 15 Jahre organisierte Luftrettung“

Foto: Screenshot

Der Hubschrauber konnte allerdings nicht auf dem Gelände der Mainzer Uniklinik stationiert werden, sondern in der rund 800 Meter entfernten Kurzmainz-Kaserne, was sich als sehr nachteilig für den Testeinsatz herausstellte. Bereits in den frühen 1960er Jahren hatte die Bundeswehr diesen Umstand beklagt, doch weder das Land Rheinland-Pfalz noch die Stadt Mainz hatten für Abhilfe sorgen können. Erst Anfang der 1970er Jahre wurde auf dem Gelände des Mainzer Uniklinikums ein Sonderlandeplatz eingerichtet, der ein Vierteljahrhundert später auch als erster Stationierungsort des am 1. Juli 1997 in Dienst gestellten Dual-Use-Rettungshubschraubers “Christoph 77“ diente.

Auf dem erst Anfang der 1970er Jahre errichteten Sonderlandeplatz an der Mainzer Uniklinik stationierte man ab Juli 1997 den Dual-Use-ITH “Christoph 77“ (hier die D-HLRG im Jahr 2008)

Auf dem erst Anfang der 1970er Jahre errichteten Sonderlandeplatz an der Mainzer Uniklinik stationierte man ab Juli 1997 den Dual-Use-ITH “Christoph 77“ (hier die D-HLRG im Jahr 2008)

Foto: Jörn Fries

Der Rettungshubschrauber bekam den Funkrufnamen “Rotkreuz 35“ und war tagtäglich zwischen 7 und 20 Uhr und “nur bei entsprechenden Sichtverhältnissen“ im Einsatz. Im Vordergrund stand, wie zuvor schon in Frankfurt am Main sowie in Nürnberg und München, die “Erprobung der Verbesserung des Unfallrettungsdienstes auf den Straßen im Rhein-Main-Gebiet mittels Hubschrauber“. Allerdings sollte der RTH auch bei sonstigen Notfällen wie etwa internistischen Notfällen oder Vergiftungen zum Einsatz kommen. Der Einsatzradius wurde mit “ca. 80 Kilometer vom Mittelpunkt Mainz aus“ festgelegt. Das erwähnte Rundschreiben nennt genaue Grenzorte in den vier Himmelsrichtungen, bspw. Mannheim und Ludwigshafen im Süden. Der Hubschrauber konnte via Telefon (06131) 24222 und über Funk mit Rufnamen „Rotkreuz Mainz“ sowie über den Polizeifunkverkehrskreis „Merkur“ angefordert werden. Die Rettungswache Mainz hielt eine ständige Fernmeldeverbindung mit der Uni und dem RTH vor. Besetzt wurde der Rettungshubschrauber mit einem Piloten, einem Sanitäter des Roten Kreuzes sowie einem in den Wiederbelebungsmaßnahmen besonders erfahrenen Anästhesisten der Mainzer Unikliniken. Neben einer “ärztlichen Notfalltasche“ kamen erstmals auch elektronische Geräte zur Überprüfung der Vitalparameter Atmung, Blutdruck und Puls zum Einsatz. Mitgeführt wurde auch eine Fünf-Liter-Sauerstoffflasche. Zur Lagerung des Patienten kam darüber hinaus eine Vakuummatratze zum Einsatz.

Mit Rundschreiben des DRK-Landesverbandes Rheinland-Pfalz – Präsidium – vom 01.08.1968 (Az.: Ia – 3-0-1.11 – Sk/fl) an Behörden, Organisationen und Rotkreuz-Dienststellen im Versorgungsgebiet wurde im Vorfeld auf den mehrwöchigen Testeinsatz des Rettungshubschraubers hingewiesen. Auch die örtliche Presse war eingebunden.

Im Bestand des Landeshauptarchivs Koblenz befindet sich das Rundschreiben des DRK-Landesverbandes Rheinland-Pfalz vom 1. August 1968

Im Bestand des Landeshauptarchivs Koblenz befindet sich das Rundschreiben des DRK-Landesverbandes Rheinland-Pfalz vom 1. August 1968

Foto: Jörn Fries

Im mehrwöchigen Testzeitraum wurden insgesamt 59 Einsätze geflogen. 36 Einsätze waren Notfalleinsätze (Primäreinsätze), neun Verlegungen (Sekundäreinsätze) und drei Einsätze galten dem dringlichen Transport von Blutkonserven. Des Weiteren wurden ein sonstiger und zehn Fehleinsätze registriert. Nur in elf Fällen erfolgte der Abtransport mit dem Hubschrauber, in sieben Fällen konnte der Notfallpatient nach ärztlicher Erstversorgung in die Obhut der bereitstehenden Krankenwagen-Besatzung übergeben werden. Bei den 36 Notfalleinsätzen traf der RTH nur in zwei Fällen vor den bodengebundenen Einsatzkräften ein, in 16 Fällen fuhr der Krankenwagen ab, ohne die Landung des Hubschraubers abzuwarten. Die zeitlichen Verzögerungen waren einerseits dem noch unvollkommenen Meldesystem geschuldet, andererseits aber auch dem Umstand, dass der Arzt bei einem Einsatz erst von der Klinik zum weit entfernten Hubschrauber gebracht werden musste.

rth.info wird demnächst eine Reportage über den Mainzer Hubschrauberversuch veröffentlichen, in der auch auf weitere Schlussfolgerungen der Hubschrauber-Testflüge eingegangen wird. Diese basiert auf weiteren Quellenfunden und aktualisiert die rth.info-Reportage, die wir anlässlich des 40-Jahr-Jubiläums im Jahr 2008 veröffentlichten (https://www.rth.info/rep/rep.php?id=147).

QUELLEN

  • Bestand 880 Nr. 12529 im Landeshauptarchiv Koblenz: “Hubschrauberrettungsdienst – Hubschrauber-Außenlandeplätze an Krankenanstalten“, 1960-1974
  • Der Einsatz von Hubschraubern bei der Erstversorgung und dem Transport von Notfallpatienten (DRK-Schriftenreihe Nr. 42). Herausgegeben im Auftrag des Präsidiums des Deutschen Roten Kreuzes. Bonn 1970
  • Benjamin Homberg: Wir fliegen damit Sie leben. 15 Jahre organisierte Luftrettung. Hanau 1985

Nachrichten zu diesem Thema im Archiv

Autor(en)
Jörn Fries
Wir danken für Unterstützung:
dem Fachkollegen Holger Scholl, Herrn Werner Wolfsfellner vom gleichnamigen MedizinVerlag München sowie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Landeshauptarchivs Koblenz für die Bereitstellung von historischen Dokumenten

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Über rth.info und unser Themenspektrum

Wir vom Nachrichtenmagazin rth.info berichten ehrenamtlich über Rettungshubschrauber, also notfallmedizinisch ausgerüstete und besetzte Helikopter, die im Rettungsdienst eingesetzt werden. Hubschrauber sind wertvoll als Rettungsmittel, da sie schnell, wendig und unabhängig vom Straßennetz sind. Ebenso dienen sie zum eiligen Transfer von Intensivpatienten zwischen Kliniken.

Für die Luftrettung besteht ein dichtes Standortnetz – sowohl von Rettungshubschraubern, als auch von Intensivtransport-Hubschraubern für den Interhospitaltransfer (siehe unsere Standortkarte). Die Standorte werden von staatlichen und nichtstaatlichen Betreibern unterhalten. Die ADAC Luftrettung stellt die meisten zivilen Rettungshubschrauber in Deutschland. Die DRF Luftrettung betreibt auch besonders viele Luftrettungszentren in Deutschland. Ihr Vorgänger war die Deutsche Rettungsflugwacht e.V. – bis zum Wechsel von Name und Rechtsform (2008). Weitere wichtige Betreiber, darunter das Bundesministerium des Innern mit seinen Zivilschutzhubschraubern, stellen wir hier vor.

Hubschrauber ergänzen den Rettungsdienst am Boden in medizinischen Notlagen. Sie sollen nicht den Bodenrettungsdienst ersetzen, da Rettungshubschrauber nicht allwetterfähig sind. Luftretter unterscheiden mehrere Einsatzarten. Die wichtigsten sind primäre Notfalleinsätze an einem Einsatzort und sekundäre Patiententransporte von einer Klinik zur anderen. In der Luftrettung kommt komplexe notfallmedizinische Technik zum Einsatz, die u.a. Anaesthesie, Chirurgie, Innere Medizin und Pädiatrie abdeckt.

"Helicopter Emergency Medical Services", kurz HEMS, ist die englische Bezeichnung für Luftrettungsdienst. Der Assistent des Notarztes wird daher als HEMS TC bzw. HEMS Crew Member bezeichnet. Zahlreiche Piloten verdienen in der Luftrettung ihren Lebensunterhalt – für viele Fans ein Traumberuf. Die Betreiber setzen viele Flugstunden und Erfahrung voraus.

Der aktuell bedeutsamste europäische Hubschrauberhersteller ist Airbus Helicopters mit seinen Baumustern H135, H145, und weiteren. Der US-amerikanische Hubschrauberhersteller Bell hat mit den Baumustern Bell 212, Bell 222, Bell 412, die Luftrettung mit geprägt, aber seit ca. 2010 Marktanteile an Airbus Helicopters verloren. Beschreibungen weiterer Hubschrauber-Hersteller finden Sie in unseren Typentexten.

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